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VEREINTE NATIONEN


    Die UNO in Genf

 

Eine wirkliche Besucherattraktion in Genf ist das Gebäude der Vereinten Nationen. Mit mehr als 1600 Mitarbeitern und über 8000 jährlichen Konferenzen gehört das UNO-Hauptquartier in Genf zu den größten internationalen Versammlungszentren der Welt. Das imposante Gebäude ist sowohl von außen als auch von innen absolut sehenswert.

Die Vereinten Nationen (United Nations Organization -UNO) haben insgesamt 191 Mitgliedsstaaten. Damit gehören der UNO mit Ausnahme des Heiligen Stuhls (Vatikan) alle anerkannten Staaten der Welt an. Die wichtigsten Aufgaben der UNO, deren Hauptsitz in New York liegt, sind die Sicherung des Weltfriedens, die Überwachung der Einhaltung des Völkerrechts, die Förderung der internationalen Zusammenarbeit, zum Beispiel in den Bereichen Entwicklung und Umwelt, und der Schutz der Menschenrechte. Hauptsitz der UNO ist New York, daneben werden Sitze in Genf, Wien und Nairobi unterhalten.

Ihre Wurzeln haben die Vereinten Nationen im Völkerbund, der nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Ziel gegründet wurde, den Frieden auf der Welt dauerhaft zu sichern. Allerdings erhielt der Völkerbund durch mangelndes Beitrittsinteresse (u.a. waren die USA nie Mitglied im Völkerbund) nicht den nötigen Einfluss, um seine Ziele durchsetzen zu können, und war mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges praktisch gescheitert.

Die Gründung des Völkerbunds geht auf einen großen, wenn auch tragisch gescheiterten US-Präsidenten zurück, Woodrow Wilson. Noch bevor der Erste Weltkrieg zu Ende war, am amerikanischen Unabhängigkeitstag 1918, bekräftigte er seine Forderung nach einer Organisation, die jede internationale Streitfrage friedlich regeln sollte, die nicht von den Beteiligten selbst gewaltlos beizulegen war. Nicht mehr das klassische, immer prekäre Gleichgewicht der Kräfte sollte die Hegemonie eines einzelnen Landes verhindern, sondern eine "Liga unabhängiger Nationen". Sogar die noch Kaiserliche Deutsche Reichsregierung erklärte sich gegen Kriegsende bereit, alles dafür zu tun, dass ein "ehrlicher, dauernder Friede für die gesamte Menschheit" gesichert werde.

Woodrow Wilson

Auf der Versailler Friedenskonferenz wurde die Satzung des Völkerbunds angenommen und am 28. Juni 1919 von den Gründerstaaten unterzeichnet. Der Text wurde damit zu einem Bestandteil des Versailler Friedensvertrags (die ersten 26 Artikel dieses Vertrags sind identisch mit der Satzung des Völkerbunds).
Fast alle Siegerstaaten traten dem Vertrag und damit dem Völkerbund bei, es gab nur eine bemerkenswerte Ausnahme: die Vereinigten Staaten von Amerika. Wilson gelang es nicht, die nötige Zweidrittel-Mehrheit im Kongress dafür zu gewinnen. Dort herrschte die Befürchtung vor, die USA könnten mit diesem multilateralen Vertrag unter einen zu großen Einfluss Europas geraten. Und noch bedrohlicher schien den Abgeordneten die Aussicht, die USA müssten sich unter Umständen dem Willen des Völkerbunds beugen, was für sie gleichbedeutend war mit einer Preisgabe der nationalen Souveränität. Die Vision Wilsons wurde also verwirklicht, sein Land selbst aber fehlte im Rat der Nationen.

In der Hauptstadt des britischen Weltreichs brodelte 1920 das Leben. Aber zehn Monate nach Gründung des Völkerbundes ließ sich der Umzug nicht mehr aufschieben. Ausgerechnet Genf musste es sein, das schon im Versailler Vertrag als Sitz vorgegeben wurde - ein "Nest" in einem kleinen Land. Seit der Reformator Johannes Calvin die Stadt im 16. Jahrhundert zum Protestantismus bekehrt hat, klebt an ihr das Stigma puritanischer Langeweile.

Nicht einmal angemessene Räumlichkeiten gab es. Das einzige Gebäude, das groß genug gewesen wäre, den Völkerbund zu beherbergen, ist das Hôtel National mit seinen 200 Zimmern. Dem Haus fehlte allerdings ein großer Tagungsraum. Für Konferenzen stellte die Stadt den "Saal der Reformation" in der Innenstadt zur Verfügung. Der war so karg, wie sein Name vermuten lässt. Es gab weder einen Aufenthaltsraum noch separate Räume für Komitee-Arbeit oder Besprechungen. Das Licht im Saal war so schlecht, dass die Delegierten Mühe hatten sich Notizen zu machen.

Will der Völkerbund mehr sein als die Improvisation einer Idee, musste also ein geeignetes Hauptquartier her. Als Baugrund erwirbt man ein 66 000 Quadratmeter großes Grundstück am Ufer des Genfer Sees. Doch dann stiftet der amerikanische Millionär John D. Rockefeller dem Völkerbund fünf Millionen US-Dollar, inklusive zwei Millionen für den Bau einer Bibliothek. Dafür ist das Gelände zu klein - aber zum Glück hat Genf ein anderes Objekt zum Tausch anzubieten. Der Ariana Park, viermal so groß und ebenfalls am See gelegen, mit freiem Blick auf den Montblanc, war der Stadt einst von ihrem Bürger Gustave Revilliod geschenkt worden - mit Auflagen. Das Grundstück soll immer der Öffentlichkeit zugänglich sein. Das im Park gelegene Grab des Stifters muss ungestört bleiben. Und die Pfauen, die Familie Revilliod dort ausgesetzt hat, müssen bleiben.

Der Baugrund war gefunden, nun fehlt nur noch das Gebäude. Doch wie sollen sich die Mitglieder einer Organisation, die schon in Fragen der Politik oft keinen Konsens finden, sich in Geschmacksfragen einigen? Ein Wettbewerb wird ausgeschrieben. Die Jury besteht aus sechs Architekten "einflussreicher Nationen": Österreich, Belgien, Großbritannien, Italien, Frankreich und der Schweiz. Ein Jahr später gibt es jede Menge gekränkter Eitelkeiten und einen halbherzigen Kompromiss. Ein internationales Team aus fünf Architekten wird mit dem Bau des "Palastes der Nationen" beauftragt.

Mit seinen Marmorfußböden, überdimensionierten Bronzetüren und den harten Linien des Art déco weist der Völkerbundpalast eben jene Stilelemente auf, die typisch sind für die faschistische Bauweise der dreißiger Jahre. 1929 wird der Grundstein gelegt. Das Architekturprogramm preist das Gebäude als "durch die Reinheit des Stils und die Harmonie seiner Linienführung" wirkendes Symbol für "den friedlichen Ruhm des 20. Jahrhunderts". Noch vor Abschluss der Arbeiten erweist sich die Idee des "friedlichen Ruhm" als nicht zeitgemäß. Im Jahr der Fertigstellung, 1936, gelingt Mussolini die endgültige Eroberung Äthiopiens, und die Völker sind auf dem Weg in den nächsten Weltkrieg.

Von vornherein verstand sich der Völkerbund als Forum der Welt-Meinung, und wenn sein Schiedsspruch nicht akzeptiert wurde, stand es den streitenden Parteien frei, selbst "die Schritte zu tun, die sie zur Aufrechterhaltung von Recht und Gerechtigkeit für nötig" hielten. Trotz dieser schwachen Konstruktion gelangen dem Völkerbund einige Erfolge: Über 30 internationale Streitfragen wurden ihm vorgelegt, und die meisten von ihnen konnten friedlich beendet werden.

Aber auch schwere Niederlagen waren zu verzeichnen. Als das faschistische Italien 1923 die griechische Insel Korfu besetzte, weigerte es sich, in dieser Frage die Zuständigkeit des Völkerbunds überhaupt anzuerkennen. Danach zog es seine Truppen aber dennoch ab. Zehn Jahre später wurden schließlich Wirtschaftssanktionen gegen Italien verhängt, aber ohne Wirkung bei zwei wesentlichen Nichtmitgliedern: Die USA lieferten dem Land weiterhin Erdöl, und Kohle erhielt es vom nationalsozialistischen Deutschland. Auch die Abrüstungsbestrebungen des Völkerbunds zeigten keinerlei Erfolge, und die Mitgliederzahl des Völkerbunds ging bis zum Kriegsbeginn 1939 von anfangs 63 auf 46 zurück. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, am 18. April 1946, löste sich der Völkerbund auch formal auf.

Ganz anders liest sich die Geschichte der Vereinten Nationen.
Wieder ging die Initiative von den USA aus: Präsident Roosevelt hatte 1941 zusammen mit Churchill die "Atlantik-Charta" erarbeitet, die bereits wesentliche Elemente eines "dauerhaften Systems allgemeiner Sicherheit" enthielt. Im April 1945, also noch vor dem offiziellen Ende des Völkerbunds, wurde in San Francisco die Nachfolgerin gegründet: die UNO, die Organisation der Vereinten Nationen.
Aus Erfahrung klug geworden, versahen die Gründer die neue Organisation von Anfang an mit deutlichen Sanktionsmöglichkeiten. Zu den Mitteln der UN gehören jetzt nicht nur Sanktionen, sondern auch militärische Eingriffe. Das universale Gewaltverbot gilt zwar für die Mitgliedstaaten, aber der UN-Sicherheitsrat kann notfalls "mit Luft-, See- oder Landstreitkräften die zur Wahrung oder Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen Maßnahmen durchführen" (Artikel 42).

Das kosmopolitische, weltoffene und für Innovationen aufgeschlossene Genf ist der geeignete Ort für Verhandlungen und Überlegungen, wo zukunftsträchtige Ideen und Tendenzen aufeinandertreffen.

 

 

 

 

 


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