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VIERWALDSTÄTTERSEE


    Der See im Herzen Europas

 

Eine Bilderbuchkulisse, wie sie perfekter nicht sein könnte: Sanfthügelig zeigt sich die wald- und wiesenreiche Landschaft im Luzerner Becken und im Becken von Küssnacht, wo Wilhelm Tell in der „Hohlen Gasse“ um 1307 den tyrannischen Landvogt Gessler mit der Armbrust erschossen haben soll, wild und fjordähnlich ist sie am Urnersee, von dem die Felswände fast senkrecht aus den Fluten aufsteigen. Der an schönen Tagen tief blaugrüne, von einer wunderschönen Bergkulisse umrahmte See ist ein Schmuckstück der Schweiz. Jeder seiner vier Hauptarme hat einen anderen Charakter und einen eigenen Namen: Küssnachter, Luzerner, Alpnacher und Urner See. Den ganzen See auf bequemen Strassen mit dem Auto zu umrunden - das ist schön und sehr abwechslungsreich. Vor allem aber dauert es wegen der ausschweifenden Form des Ufers viel länger, als man glaubt.

Schon um die Jahrhundertwende gaben sich hier vornehme Adlige und reiche Industriepioniere ein Stelldichein. Zu den Vergnüglichkeiten dieser anspruchsvollen Klientel gehörte auch eine Fahrt hinauf zum „Hausberg“ Luzerns, dem Pilatus (2128 Meter), wo Herren in bester Kleidung auf dem Platz vor dem „Bellevue“ ihre Damen spazieren führten und sich auf der Terrasse ein Schlückchen Wein genehmigten. Es ist auch heute noch ein optischer Leckerbissen, sich auf diesen sagenumwobenen Aussichtsberg mit der „steilsten Zahnradbahn der Welt“, die 1889 in Betrieb ging, über Alpweiden, Brücken, durch Tunnels und schließlich entlang der Eselwand hochbefördern zu lassen.

Von seinen Ufern ging einst das helvetische Streben nach Unabhängigkeit aus, als die vier „Waldstätten” Uri, Schwyz, Nidwalden und Luzern sich zusammenschlossen, hier spielt die Tellsage, hier liegen „Hohle Gasse” und „Rütliwiese”. Überragt von den Panoramabergen Pilatus und Rigi ist das buchtenreiche Gewässer 38 Kilometer lang, 114 km² groß und bis zu 200 Metern tief. Seine Ufer geben sich bald schroff und abweisend, bald haben sie südlichen Charakter und immer wieder setzen spitzgieblige Holzchalets Akzente.

Von Altendorf bis Luzern wird der See von der Reuss durchflossen und wartet mit engen Passagen, weitläufigen Buchten und stets wechselnden Landschaften auf: Am südlichen Urnersee schiebt sich die hellgrüne „Rütliwiese” ins Bild, bei Gersau ragt die „Obere Nase” ins Wasser, während sich gegenüber der Bürgenstock aufbaut. Hinter dem Küssnachter See liegt die berühmte „hohle Gasse” und in Richtung Südwesten schließt der Alpanacher See an. Scheint der See meist friedlich vor sich hinzudämmern, so kennt er dennoch turbulente Stimmungen und ist für wechselnde Wetter und blitzschnell aufziehende Gewitter bekannt. Wenn die berüchtigten Föhnstürme aufkommen, wird das stille Wasser zum entfesselten Element mit meterhohem Wellenschlag. Das hat schon Friedrich Schiller inspiriert, der seinen Helden Wilhelm Tell aus dem Boot durch die Gischt an Land springen, und den Kahn dann wieder zurück in die aufwallenden Fluten stoßen lässt. Zum Ärger des bösen Landvogtes Gessler, dem der Tell damit entkommt.
Während im südlichen Urnersee schon der Sturm tobt, mag im nördlichen Luzerner Seebecken noch alles friedlich sein. Die dadurch entstehende, ganz besondere Atmosphäre mit ihren Licht- und Schattenwirkungen und den eigenartigen Farbtönen haben schon die Romantiker auf die Palette gebannt und auch heute noch fesselt sie moderne Fotografen.

Keinesfalls versäumen sollte man eine Schifffahrt, bei der ein Panoramablick den anderen ablöst. Mit den Raddampfern der Vierwaldstätter Flotte geht es von Luzern nach Flüelen und retour. Oder man wählt ein anderes Linienschiff, um nach Küssnacht, Weggis, Vitznau und Gersau zu fahren, falls man nicht für einen Nostalgietrip mit einem renovierten Dampfschiff optiert, das täglich in Richtung Brunnen startet.
Besonders eindrucksvoll ist es, mit einem gemieteten Boot von Brunnen aus den See zu überqueren und in Richtung Schillerstein zu rudern, und dann am steilen Felsufer entlang zu gleiten, wo die Steinwände schroff in den See fallen - eine unheimliche Tour von ganz besonderer Ausstrahlung, bei der man die Kraft des Ortes spürt. Dabei wechseln schroffe Felspartien mit schmalen Kiesstränden, an die sich vereinzelte Tannen klammern. Hier lässt sich sommers schon mal ein Bad riskieren, wobei man über den schwarzgrauen Kies schon nach wenigen Metern abgrundtief ins saubere, aber unheimliche Wasser gleitet.

Das Pendant zum See bilden selbstverständlich die Berge: der Pilatus mit dem 2.129 Meter hohen Tomlishorn, der Inselberg Rigi mit seinen roten Felsabstürzen, der Seelisberg oberhalb der Rütliwiese und der noble Bürgenstock, auf dem schon Konrad Adenauer Urlaub zu machen pflegte. Musste Goethe bei einem Zwischenstopp auf seiner Italienreise die Gipfel noch per Pedes erklimmen, so hat der moderne Gast heute die Wahl zwischen Zahnradbahn, Gondeln und Standseilbahn.

Auf keinen Fall versäumen sollte man den geruhsamen Ausflug von Vitznau auf die schon im 17. Jahrhundert als „Regina montium“ – Königin der Berge – bezeichnete Rigi (1798 Meter) mit ihrem ausgedehnten Wandergebiet, auf die „Europas älteste Zahnradbahn“ rattert, die 1998 ihr 125-jähriges Bestehen feiern konnte. Grandios von oben das Panorama auf den segelboot-betupften, blaugrün-schimmernden Vierwaldstättersee und die Alpenkette, vom Säntis angefangen über den Titlis, das schneebedeckte Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau bis hinüber zum Pilatus. Berühmte Touristen auf der Rigi waren unter anderem Goethe, der von einer „klaren, herrlichen sonnenbeschienenen Welt“ und von einem „nie gesehenen, nie wieder zu schauenden Anblick“ schwärmte, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Carl Maria von Weber und Mark Twain, der in einem Reisebericht humorvoll einen mit vielen Hindernissen gespickten Aufstieg zur Rigi und über einen Sonnenaufgang, der sich nach einem verschlafenen Tag dann als Sonnenuntergang entpuppte, beschreibt.

Wer zum Pilatus hinauf will, wird in Alpnachstad in die steilste Zahnradbahn der Welt steigen, um dann einen einmaligen Rundblick über die Schweizer Alpen und den gewundenen Vierwaldstättersee zu genießen. Nimmt man den Gipfel des Bürgenstocks ins Visier, so gleitet man mit einem Lift an der steilen Felswand entlang, und der Belvedere vom Seelisberg ist in nur acht Minuten mit einer Standseilbahn von Treib aus zu erreichen. Weniger bekannt, aber nicht minder reizvoll ist der naheliegende Aussichts- und Wanderberg Stanserhorn (1900 Meter), den man mit einer nostalgischen Oldtimer-Standseilbahn und einer anschließenden Luftseilbahn erreicht.

Die unumstrittene Metropole des Vierwaldstättersees und der gesamten Zentralschweiz ist Luzern. Malerisch an den Flussufern der Reuss angesiedelt, wartet das Städtchen mit bemalten Giebeln, hölzernen Brücken und ehrwürdigen Gasthäusern auf. Am Kornmarkt steht das Alte Rathaus mit prächtiger Renaissance-Fassade, am Hirschplatz soll schon Goethe im „Goldenen Adler” abgestiegen sein, am Weinmarkt reihen sich fahnengeschmückte alte Zunfthäuser aneinander und auf der Kapellbrücke, dem Wahrzeichen von Luzern, ist die Stadtgeschichte auf Tafelbilder gemalt.
 

 

 

 

 

 


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