Wo heute die barocke
Klosterkirche von St. Gallen steht, baute der Mönch Gallus im
Jahre 612 für sich eine Zelle, weil er krank war. Wie aus der
Zelle des Gallus das Kloster St. Gallen wurde, das beschreibt
der Reichenauer Mönch und Dichter Walafried Strabo in seiner
Gallus-Vita aus dem Jahre 835. Nach ihr hat 719 - 100 Jahre nach
Gallus Tod - der alemannische Priester Otmar am Grab des
Heiligen Gallus ein Kloster nach den Regeln des heiligen
Benedikt gegründet.
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Weitere hundert
Jahre später wurde, durch ein kaiserliches Edikt, das Kloster
unabhängig. Durch seine Anstrengungen um Heilkunde, Geschichte,
Musik, Theologie und Sprachwissenschaften wurde das Kloster zu
einem Aufbewahrungsort des abendländischen Geistes. Als 926 die
Ungarn St. Gallen überfielen, endete das vom 9. bis ins 10.
Jahrhundert andauernde "goldene Zeitalter". Nachdem sich das
Kloster nach und nach erholte, stand es im 11. Jahrhundert
wieder in seiner vollen Pracht und läutete damit das so genannte
"silberne Zeitalter" ein.
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Das Stiftsarchiv
verwahrt an die 800 Urkunden über Schenkungen von Wohltätern aus
der Zeit von 740 - 960. Die schönsten Handschriften aus dieser
frühen Zeit hütet die grösste Attraktion des Klosters, die
Stiftsbibliothek. Die Bibliothek im schönsten profanen
Rokkokkosaal der Schweiz umfasst eine einzigartige Sammlung
frühmittelalterlicher Handschriften. Fast von Anfang an besaß
das Kloster eine Bibliothek, Bücher wurden für die Liturgie und
die Wissenschaft gesammelt, abgeschrieben, neu zusammengestellt,
denn Gebet und Studium gehörten zusammen.
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Die
Stiftsbibliothek zählt 150.000 Bände, ihr wahrer Schatz aber
ruht im Manuskriptenkabinett. Rund 2000 Handschriften werden
hier aufbewahrt. Mehr als 400 von ihnen über 1000 Jahre alt. Sie
bezeugen, dass das Kloster die Kultur Europas entscheidend
mitgeprägt hat.
Etwas ganz Besonderes sind die irisch-keltischen Handschriften.
Zwar sind viele von ihnen verloren gegangen, dennoch ist die
Sammlung eine der bedeutendsten der Welt. Unschätzbar auch das
Lateinisch- Deutsche Wörterbuch, entstanden um das Jahr 790. Es
ist das älteste deutsche Buch überhaupt. Jährlich besuchen gegen
100'000 Gäste die Ausstellung im Barocksaal.
In der Reformation wurde die
Stadt St. Gallen unter Führung von Vadian protestantisch. 1529 stürmten die
Bürger das Kloster, die Mönche flohen. Drei Jahre später kehrten sie zurück und
bauten ab 1755 die Klosterkirche und die Bibliothek neu auf - seither hütet sie
in ihrem barocken Prachtgewand - einer Schatulle gleich - den mittelalterlichen
Schatz, der nunmehr der ganzen Welt gehört. Die Stiftsbibliothek und der
Stiftsbezirk St. Gallen wurden 1983 in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen.
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