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KLOSTER ROMAINMÔTIER


    Wiege des Christentums

 

Zwischen Lac de Neuchâtel und Lac de Joux liegt ein Kulturgut erster Güte: das ehemalige Cluniazenserkloster Romainmôtier in dem gleichnamigen alten Städtchen. Urkundlich bereits im 6. Jh. erwähnt, gehört die im 10 Jh. unter St. Odilo von Cluny erbaute Abtei St-Pierre et St-Paul zu den ältesten und bedeutendsten Sakralbauten der Schweiz. Die Kirche birgt wertvolle Wandgemälde, die heute nach aufwändiger Restaurierung zu den sehenswertesten im ganzen Land gehören. Von den Klostergebäuden ist noch der Uhrturm aus dem 14. Jh. erhalten. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster 1536 aufgehoben, Kreuzgang und Konvent abgerissen.

Der frommen Legende nach geht die Klostergründung auf die Wandermönche Romanus und Lupinus zurück. Sie sollen sich schon Mitte des 5. Jahrhunderts in der nur spärlich besiedelten Wildnis des abgelegenen Seitentales niedergelassen haben. Knapp ein Jahrhundert später wurden die Mönche von Romainmôtier erstmals urkundlich erwähnt. Und damit darf die Waadtländer Gründung als früheste klösterliche Niederlassung auf dem Gebiet der heutigen Schweiz und als «Wiege des Christentums» betrachtet werden. Getreu der benediktinischen Regel «Ora et labora» schufen Mönche rund um ihr Kloster eine Kulturlandschaft, die sie selbst bewirtschafteten. Sie führten Ackerbau, Obstanbau und Viehhaltung ein, züchteten Karpfen und legten sich sogar einen eigenen Weinberg zu. Offenbar war das Klima im Nozon-Tal damals etwas milder als heute.

Mönchen verdankt Romainmôtier auch die ausgedehnten Buchenwälder. Man hatte sie Nadelbäumen, die das Landschaftsbild bisweilen etwas düster wirken lassen, vorgezogen. Bis in das ferne Rom gelangte die Kunde vom segensreichen Wirken der Benediktiner-Gemeinschaft; Papst Stephan II., der am Weihnachtstag 753 die Klosterkirche weihte, stellte den Konvent unter den Schutz des Oberhirten. Und daher heißt die Gründung seither «Romanum monasterium». Sie fiel im 10. Jahrhundert an das große Cluny, mit dem die Gemeinschaft enge Verbindungen unterhielt.

Als Romainmôtiers dritte Kirche vollendet war, stand die mittelalterliche Welt an der Schwelle zum 2. Jahrtausend. Nach dem burgundischen Vorbild von Cluny II erhob sich im Zentrum des Konvents eine dreischiffige Basilika über einem lateinischen Kreuz, Petrus und Paulus geweiht. Nach burgundischer Manier deckte man das Dach mit glasierten Ziegeln, die Mönche aus dem gelben Ton des Umlandes fertigten. Mit dem verwandten Payerne zählt das Priorat von Romainmôtier, das Mitte des 15. Jahrhunderts in den Rang einer Abtei erhoben wurde, zu den wichtigsten Baudenkmälern der burgundischen Epoche. Romainmôtiers Wandgemälde gehören zu den großartigsten Leistungen, die Mönche hierzulande jemals hervorgebracht haben.

Wie mächtig Romainmôtier einmal war, zeigt ein Blick auf die früheren Besitzverhältnisse: Adlige hatten nicht mit Schenkungen gegeizt; als das geistige Zentrum in seiner Hochblüte stand, reichte der Grundbesitz bis ins Elsass und in das benachbarte Frankreich hinein.
Mit der Reformation begann der Stern des Klosters zu verblassen. Auf ihren Eroberungszügen machte die aufstrebende Territorialmacht Bern auch vor der Abtei nicht Halt. Sie gliederten die Waadt als Untertanengebiet in ihren Herrschaftsbereich ein und hoben das Kloster Romainmôtier um 1536 auf. Da stellte sich die Gemeinschaft auf die Seite der Herren von Freiburg, die dem alten Glauben treu geblieben waren. Doch auch dieser Schachzug sollte nicht viel nützen: Als Bern den Freiburgern einen Teil des Klosterbesitzes in Aussicht stellte, hielten sie sich vornehm zurück. Und so hatten die plündernden Eindringlinge freie Hand: Widerspenstige Mönche, die den neuen Glauben nicht annehmen wollten, wurden ausquartiert und vertrieben. Im Schnellverfahren ausgebildete Pastoren traten an ihre Stelle, von den 160 beschlagnahmten Pfarrhäusern des Waadtlandes wurden die meisten verkauft, da die Berner Kriegsherren Geld stets gut gebrauchen konnten. Um Romainmôtiers Einwohner nicht allzu stark zu verprellen, überließ man ihnen immerhin das alte Pfarrhaus.

Dann begann ein beispielloses Zerstörungswerk, dessen Spuren noch heute sichtbar sind. Berns Ikonoklasten zerschlugen den Kreuzgang und brachen etliche zum Klosterbezirk gehörende Gebäude ab, die als nutzlos eingestuft wurden. Ein einziges Gotteshaus, nämlich die zur reformierten Pfarrkirche degradierte Basilika, musste den Gläubigen genügen, und so riss man die andere Kirche kurzerhand ab, um Kosten für ihren Unterhalt einzusparen. Auf diese Weise gewann man Baumaterial für neue Häuser. Wenig zimperlich zeigten sich «Leurs Excellences de Bern» im Umgang mit den Symbolen des alten Glaubens: Altäre und Heiligenstatuen wurden zerstört, wie ein Wunder blieb das im 8. Jahrhundert verfertigte Ambo, wie das Predigtpodium mit einem in Zopfmuster gehauenen Kreuz genannt wird, unangetastet. Sodann ließen sie die Wandgemälde mit weißer Farbe übertünchen. Die im 15. Jahrhundert geschaffene Beweinungsgruppe, die sitzende Maria im Strahlenkranz, Petrus und Paulus, Evas Erschaffung, die Vogelpredigt des heiligen Franziskus und schließlich das Jüngste Gericht blieben den Kirchenbesuchern jahrhundertelang vorenthalten.

Mehr als die frühesten Zeugnisse der Malkunst, darunter Reste eines mit roten Doppellinien nachgeahmten Quadermusters und Teppichmuster mit Tierfiguren, wollten die neuen Herren den Gläubigen nicht zumuten. Unfreiwillig haben die Berner dazu beigetragen, dass Romainmôtiers Wandgemälde, deren Schöpfer eine große Zahl verschiedener Vorlagen benützt hatten, zur Freude des Denkmalschutzes bestens bewahrt wurden. Im stattlichen Gebäude des vertriebenen Priors fand der Berner Vogt eine angemessene Residenz. Dann verwandelten die praktisch veranlagten Stadtherren den Narthex (Vorhalle) mit der darüber eingebauten Michaelskapelle in Kornspeicher für den Zehnten, den die Einwohner abliefern mussten. Gebäude, die Getreidefuhrwerke auf ihrem Weg zum Speicher behinderten, wurden ebenfalls abgerissen. Später benützte man auch die «Maison des moines» als Getreidelager. Bald war das einst blühende Kloster nicht mehr als ein Schatten seiner selbst.

Als die Französische Revolution ausbrach, kündigte sich das Ende der Berner Herrlichkeit an. Während Jean-Rodolphe Rochaz, letzter Adjutant der «Gnädigen Herren», in seinem Wohnhaus adlige Flüchtlinge aus Frankreich beherbergte, rief Bürger Pierre-Maurice Glayre in seinem benachbarten Haus die Revolution aus. Berns Statthalter erkannte die Zeichen der Zeit und gab schweren Herzens die Residenz auf. Sogleich trugen die Revolutionäre das hölzerne Berner Wappen aus dem Schloss, das weithin sichtbare Bärengemälde an der Ostfassade ließ man indessen unangetastet, man konnte ja nie wissen, ob die Berner nicht nochmals auftauchten. Schon wesentlich mutiger tauften die Revolutionäre das traditionsreiche «Hotel de l'Ours» in «Etoile Blanche» um und erinnerten damit an das Symbol ihrer Bewegung, die einen weissen Stern gewählt hatte.

Rund tausend Einwohner zählte Romainmôtier damals. Dass während der Berner Herrschaft vor allem das Bildungswesen verbessert wurde, hat man ihr trotz ihrer Bilderstürmerei nicht vergessen. Auf dieser Grundlage entstanden im 19. Jahrhundert Fabriken und Werkstätten: Alles, was die Gemeinde benötigt, konnte selbst hergestellt werden. Alte Schmieden dienten als Maschinenwerkstätten, wo selbst Dampfmaschinen entstanden. Eine Fabrik stellte Ziegel her, eine andere belieferte die blühende Uhrenindustrie des Juragebietes mit Ritzeln, und selbst ein Kleinkraftwerk nahm am Ufer des Nozon den Betrieb auf. Mönche gab es zwar keine mehr, dafür erwirtschafteten die Bürger im Geist der benediktinischen Gemeinschaft einen soliden Reichtum. Nach und nach verkaufte der neue Kanton Waadtland die übrig gebliebenen Klostergebäude, die vor allem Bauern als Viehställe oder Scheunen verwendeten. Damals nahm die Bedeutung der Landwirtschaft deutlich zu.

Allmählich erwachte das öffentliche Interesse an der ehemaligen Abteikirche, die seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in den Ersten Weltkrieg hinein sorgfältig restauriert wurde. Denkmalschutz-Experten bescheinigen den Arbeiten der Restaurateure, die dem Gotteshaus sein mittelalterliches Erscheinungsbild zurückgaben, hohe Qualität, die bei der zweiten Restauration deutlich hervorgehoben wurde.

Vom großen Besucheransturm blieb die nahe Vallée de Joux bislang verschont, obwohl sich hier auf 1000 m Höhe mit dem Lac de Joux und großen Waldflächen eine herrliche Landschaft auftut. Eine Besonderheit dieser Gegend sind die feinen schwarzen Morcheln, die man für die Käseherstellung verwendet. Auch die Uhrenmanufakturen im Tal gehören zu den besten der Schweiz und florieren wie nie zuvor.

 

 

 

 

 

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