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    Das Heiligtum der Anthroposophen

 

Dornach, zwanzig Tramminuten südlich von Basel, ist eigentlich ein ganz normales, wohlhabendes Schweizer Dorf.

Das Zentrum der Anthroposophen liegt auf dem Hügel über dem Dorf und heißt Goetheanum. Dass es so kam, ist eigentlich Zufall. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste der Österreicher Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, vier so genannte Mysteriendramen, die seine Lehre veranschaulichen sollten. Im Kern geht es – frei nach Goethe – darum, die geistige Welt mit der Sinneswelt in Einklang zu bringen. In München wollte er dafür eine eigene Bühne bauen, aber die Stadt verweigerte die Genehmigung. Der Dornacher Zahnarzt Emil Grossheintz stellte daraufhin sein Land zur Verfügung, und Steiner baute dort sein Goetheanum. Schon die Baustelle lockte viele Anhänger an – meist Deutsche, die sich nach etwas sehnten, das sie aus der Erstarrung von Korsett und Kaiser befreite, ohne sie völlig orientierungslos zu machen. Einige von ihnen ließen sich am Hügel nieder.

Wenn man in Dornach unterwegs ist, erkennt man die Anthroposophen leicht. An den aufwändigen Zopfkonstruktionen, mit denen die Damen ihre Haare hochgesteckt haben. An den exakten, ruhigen Schritten, die wirken, als gäbe es außerhalb des eigenen Körperradius nichts, dem man Aufmerksamkeit schenken muss.


Rudolf Steiner

Pädagoge, Philosoph, * 27. Februar 1861 - † 30. März 1925
Rudolf Steiner

Steiner ist der Begründer der Anthroposophie. Er übte keinen medizinischen Beruf aus, trotzdem ist er der Initiator eines Medizinkonzeptes, das von den vielen Menschen begrüßt, aber auch von vielen Schulmedizinern als "Außenseitermedizin" abgelehnt wird. Denn Steiners "Anthroposophische Medizin", wie sie allgemein genannt wird, richtet ihr besonderes Augenmerk auf Behindertenpädagogik, Psychosomatik und Onkologie sowie die Pflanzenheilkunde, ohne dabei die herkömmlichen, allgemein anerkannten und praktizierten Untersuchungs- und Behandlungsmethoden außer Acht zu lassen. Die große Akzeptanz der nach anthroposophischen Konzepten geführten Arztpraxen und Krankenhäuser und ihre Behandlungserfolge sind unübersehbar. Die erste private medizinische Hochschule in Herdecke (Westfalen) zum Beispiel fühlt sich dem anthroposophischen Gedankengut verpflichtet.

Steiner, Sohn eines österreichischen Bahnbeamten, ging in Wien zur Schule, studierte an der dortigen Universität Mathematik und Naturwissenschaften und betrieb nebenher ausgedehnte geisteswissenschaftliche Studien. 1897 ging er nach Berlin und war Mitherausgeber des "Magazin für Literatur" und der "Dramaturgischen Blätter". Von 1899 bis 1905 lehrte er an der Arbeiter-Bildungsschule und entwickelte nach und nach sein anthroposophisches Weltbild. Dies führte zum Bruch mit der deutschen Sektion der seit 1875 bestehenden "Theosophischen Gesellschaft", einer religiösen Gemeinschaft, deren Erlösungslehre sich an altindischen Überlieferungen orientiert. Ab 1902 war er der Berliner Generalsekretär dieser Gesellschaft. 1913 gründete Steiner die "Anthroposophische Gesellschaft". Der Begriff "Anthroposophie" wurde erstmals von dem Arzt und romantischen Naturphilosophen Ignaz Paul Vitalis Troxler (1780-1866) benutzt.

Steiners Wissenschaft von der Anthroposophie resultiert aus eigenen erkenntnistheoretischen und methodisch begründeten Erfahrungen und Überlegungen; sicherlich stammen wesentliche Grundzüge von den Theosophen. Steiner verstand sich jedoch eigentlich als Erbe der abendländischen Geistesgeschichte, wobei er sich neben der antiken Philosophie vor allem auf den deutschen Idealismus und die Naturauffassung und Metamorphosenlehre Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) stützte.

Die erste "Freie Waldorfschule" konnte Steiner 1919 mit Hilfe der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart eröffnen. Die anthroposophische Medizin folgte denselben Prinzipien: Am 21. März 1920 begann in Dornach der erste medizinische Kurs für Ärzte und Studenten auf anthroposophischer Grundlage. Nach drei Kursen gründete Steiner im Dezember 1924 mit einem Kreis von Anhängern die Medizinische Sektion des Goetheanums. Steiners Werk ist umstritten und gilt als nahezu unüberschaubar. Auch die Deutung des Begriffes "Anthroposophie" ist schwierig. Vereinfachend kann gesagt werden:

Die Anthroposophie ist eine von christlichem, indischem und kabbalistischem Gedankengut beeinflusste Weltanschauungslehre, in der der Mensch (wie die Welt) eine stufenweise Entwicklung nachzuvollziehen hat, um höhere "seelische" Fähigkeiten zu entwickeln und "übersinnliche" Erkenntnisse zu erlangen. An Bedeutung gewann sie vor allem in Steiners pädagogischen Ideen, in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und im medizinischen Konzept.

Im Mittelpunkt von Steiners Medizinkonzept steht gemäß der anthroposophischen Menschenkunde eine seelische Dreigliederung, die der traditionellen Einteilung in Körper (vegetative Seele), Seele im engeren Sinne (animalische Seele) und Geist (intellektuelle Seele) entspricht. Steiner wollte eine Erweiterung der Medizin durch die Geisteswissenschaft, also eine Erneuerung der antiken "Mysterienmedizin". Für ihn war die rhythmische Ordnung der gesamten Natur von entscheidender Bedeutung: "Rhythmisch wächst an der Pflanze ein Blatt nach dem anderen; rhythmisch sind die Blumenblätter angeordnet ... Rhythmisch tritt das Fieber ein bei einer Krankheit, flutet wieder ab; rhythmisch ist das ganze Leben."

Im anthroposophisch ausgerichteten Behandlungsprozess sollen durch verschiedene Naturheilmittel oder durch künstlerische Therapie die schöpferischen seelischen und geistigen Kräfte des Patienten aktiviert werden. Zu den künstlerischen Therapien zählen beispielsweise heilpädagogische Bewegungen, Musik-, Mal- und Plastiziertherapien. Was die Naturheilmittel betrifft, so hatte Steiner schon 1917 Injektionspräparate aus Mistelextrakten vorgeschlagen – eine unterstützende Therapieform, die heute mit steigender Häufigkeit bei Krebspatienten eingesetzt wird. Als Wirkungsweise beschrieb er die Erzeugung von Fieber und entzündlichen Prozessen in der Tumorumgebung, was die modernen immunologischen Forschungsergebnisse bestätigen.
 

Je näher man dem Goetheanum kommt, desto öfter sieht man Türfüllungen oder Fensterrahmen, die ohne rechte Winkel auskommen und leicht verzerrt wirken. Die Häuser haben auf einmal ungewohnte, asymmetrische Grundrisse; Dächer wölben sich organisch. In der anthroposophischen Baukunst sind Architektur und plastisches Gestalten nicht starr voneinander getrennt.

Fremd wie ein Raumschiff steht das Goetheanum auf der Wiese, mit dem festen Gewicht eines uralten Elefanten. Aber gleichzeitig scheint der klobige Korpus aus hellem Beton frei zu schweben. Die Wirkung ist stark, auch wenn man sich gegen die Anthroposophie sträubt. Steiners Bau ist 1928, noch unvollendet, in Betrieb genommen worden. Das erste, aus Holz gebaute Goetheanum fackelten Brandstifter in der Silvesternacht 1922 ab. Drei Jahre später starb Steiner, während der Bauarbeiten zum zweiten Goetheanum. Heute ist es Zentrum der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und Sitz der Hochschule für freie Geisteswissenschaft sowie Theater, Kongresszentrum und Tagungsstätte.

Das Gebäude macht es unvorbereiteten Besuchern nicht leicht. Die äußere Würde verwandelt sich jenseits der Pforte in herrische Autorität. Klotzige Betonträger ragen schief in die Räume, asymmetrische Fenster lenken den Blick in den leeren Himmel, der Atem hallt merkwürdig in den düsteren Treppenhäusern. Alles ist riesig und klobig. Jede Ecke weist den Besucher darauf hin, dass er den Sinn dieser ganzen Schiefheit nicht ohne weiteres verstehen kann. Die Einweihung, so scheint das Goetheanum im Innern zu sagen, muss man sich erarbeiten, und das wird bestimmt kein Spaß. Wer dazu nicht bereit ist, sucht betreten den Ausgang.

Beim Verlassen kann man den Betonkoloss noch einmal aus sicherer Distanz auf sich wirken lassen. Es ist eine strenge und gleichberechtigte Verbindung, die Masse und Körperlosigkeit miteinander eingehen. Geschaffen wurde sie zu einer Zeit, in der Beton als Baustoff noch nicht gebräuchlich war. Plötzlich ist die visionäre Kraft spürbar, die von diesem Ort einmal ausgegangen sein muss. In überwältigender Klarheit scheint das Gebäude plötzlich einen Gedanken auszudrücken: Die größte Freiheit und das größte Glück des Menschen liegen darin, denken zu können. So etwas kann ein Gebäude sagen? Einfach mittels gebogener Betonmauern? So etwas verstört den skeptischen Besucher.

Der Bus fährt bergab eine kürzere Strecke und erreicht nach wenigen Minuten den Bahnhof. Unten kommt die Erleichterung. Die zweite Welt, die Welt der Anthroposophen, ist hier nur noch in feinen Zeichen zu sehen. Und die verzerrten Gebäude am Wegesrand haben während der Fahrt geschwiegen.


Weitere Informationen:

Goetheanum
Rüttiweg 45
CH-4143 Dornach 1
Tel. +41 (0)61 706 42 42
Fax +41 (0)61 706 43 14
www.goetheanum.org

 


 

 

 

 


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