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FABRIK CAILLER


    Mund auf und Augen zu!

 

Seit über 600 Jahren ist die rahmige, cremige Alpenmilch aus Gruyères der Ausgangsstoff für den Käse der Region. Die gute Milch und der billige, durch zahlreiche Wasserkraftwerke erzeugte Strom lockte Ende des 19.Jahrhunderts einen engagierten Investor ins Greyerzer Land. Alexandre Cailler, Mitbegründer des späteren Lebensmittelkonzerns Nestle, errichtete eine hochmodernen Fabrikationsanlage zur Herstellung von kakaohaltigen Milchprodukten. Und seit her wird conchiert und gerührt, was die Greyerzer Kühe hergeben.

»Quelle des Glücks seit 1819«, schreibt die Firma Cailler in goldenem Schwung auf ihre roten Prospekte. François-Louis Cailler, der das Handwerk der cioccolatieri in Italien gelernt hatte, war von Vevey in den Kanton Fribourg umgezogen, wo das Gras besonders saftig ist, die Wasserkraft wohlfeil und die Kühe drall sind. 1875 erfand sein Schwiegersohn die Milchschokolade, indem er der schwarzen, eher unzarten Paste aus Kakaomasse und Zucker kondensierte Milch zufügte. Der Erfolg ist heute in Broc, einem kleinen Ort in einer freundlichen Bauernlandschaft, zu besichtigen – die Fabrik Cailler-Nestlé. Jedes Jahr kommen über 50.000 Besucher zu Cailler nach Broc. Dort können sie die köstliche, aus Greyerzermilch hergestellte Schokolade genießen und erleben einen spannenden Ausflug in die Welt der Schokolade.

Seit François-Louis Cailler 1819 in Vevey die erste Fabrik eröffnet hat, sind die Schweizer nahezu konkurrenzlos im Zusammenrühren von Schokolade und Füllen von Pralinen. 17 Firmen stellen im Jahr rund 140000 Tonnen Schokolade her. Davon verspachtelt jeder Schweizer zwölf Kilo. Das ist Weltspitze (der Deutsche bringt es nur auf acht).

Was Schokolade im Körper anrichtet ist Ansichtssache. »Sie belebt durch ihren leichten Gehalt an Theobromin und Lecithin und unterstützt die Konzentration«, sagt Chocosuisse, der Verband Schweizerischer Schokoladenfabrikanten. Die Finnen wollen herausgefunden haben, dass Schwangere, die viel Schokolade essen, Kinder zur Welt bringen, die mehr lachen und weniger ängstlich sind als die Babys enthaltsamer Mütter. Im Film Chocolat heilt Juliette Binoche sämtliche Nöte mit der versöhnenden und erotisierenden Kraft der Schokolade.

Es scheint alles ganz klar und ganz einfach: Aus Kakaobohnen wird durch Rösten, Mahlen, Walzen, Pressen und Rühren Schokolade. Aber da könnte ja jeder kleine Schokoladensieder das große Geschäft machen. In Wirklichkeit wird bei allen Chocolatiers nach streng gehüteten Rezepten geröstet, gemahlen, gewalzt, gepresst und tagelang gerührt. Schließlich muss das Produkt seidig glänzen, beim Brechen richtig knacken und auf der Zunge zergehen. Schon 1899 zahlte die Firma Sprüngli der Konkurrenz 1,5 Millionen Goldfranken für das Geheimnis ihres Lindtschen Schmelzes.

Am Ende der Fabrikführung steht die Schokoladen-Degustation: zehn Sorten, mundgerecht auf einem runden Buffet angerichtet; praktisch zu umkreisen, und ist man mit der Vollmilch fertig, kann man bei der Haselnuss gleich noch einmal einsteigen. Pro Besucher rechnet die Firma mit 75 Gramm Frei-Schokolade. Aber das ist für die Langsamen.

Angefeuert wird die Schmeckleckerei von einem kurzen Film im Vorprogramm: Par amour de chocolat, etwas leicht Historisches aus der Zeit, als die Jungs ihre Schirmmützen noch richtig herum trugen und die Milchkannen auf dem Rad durch die Berge gefahren wurden. Eine alte Dame kehrt in die Schweizer Heimat zurück, schmerzlich beobachtet von einem verflossenen Verehrer in Breitcordhosen. Eine erneute Werbung scheitert an seiner Schüchternheit. Auch der Sohn der örtlichen Confiseuse blitzt bei seinem Schwarm ab. Da erbittet die Mutter vom sprechenden Bildnis des Herrn Cailler einen Zauber – auf Schwyzerdütsch öps Paradiesisches –, das Rezept für zarte Schokoladenlaibchen, die das Herz der alten Dame zum Schmelzen und die Jungen auf den Geschmack bringen: Mund auf und Augen zu!

Zwischen Anfang Juni und Ende Oktober ist das jeweils von Montagnachmittag bis Freitagnachmittag möglich. Ein Rundgang durch die Fabrikationsanlagen bleibt den Besuchern dabei leider aus Hygiene-Gründen versagt. Dafür ist der Besuch bei Cailler - der zwischen 30 und 40 Minuten dauert - generell gratis.

 

 

 

 

 


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