Wein, seit
je ein höchst symbolträchtiger Saft, ist in den letzten Jahren
mehr und mehr zu einem Kultgetränk geworden. Wein gilt als fein
und hebt das Prestige - in vino vanitas.
Es ist noch gar nicht so lange
her, da beschränkte sich das Weinangebot in den meisten Beizen
auf einen Fendant, einen Riesling × Sylvaner, einen Dôle, einen
Klevner - ein weitgehend einheimisches Repertoire, das meistens
von einem Kalterer oder Sankt Magdalener ergänzt wurde,
allenfalls noch von einem Beaujolais. Heute sind die Weinkarten
in fast jedem Restaurant dicke Bücher, die eingehend studiert
werden wollen. Spitzenlokale locken gar mit begehbaren
Weinkellern, wo man dann die Wahl unter Hunderten von Flaschen
aus allen Ecken der Welt hat: Sauvignon aus Chile, Riesling aus
Österreich, Shiraz aus Australien, Cabernet aus Kalifornien,
Südafrika, Neuseeland, Italien. Hat man sich für ein Fläschchen
entschieden, wird es einem präsentiert wie eine Devotionalie.
Mit Kennermiene gilt es das Etikett zu begutachten, endlich am
Glas zu schnuppern, den Wein zu prüfen.
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Dabei sollte man sich nichts
vormachen lassen und sich nicht von Namen blenden lassen. Der
eigene Geschmack entscheidet, ob ein Wein "gut" ist oder nicht.
Niemand sonst. Wenn jemand einen Wein einfach "toll" findet:
Wunderbar! Wenn er mehr Worte findet: Dann macht es noch mehr
Spaß! Einen Wein lustvoll zu probieren heißt immer mit allen
Sinnen genießen. Ob Ohren, Augen, Nase, Zunge oder Gaumen - ein
wahrer Genussmensch kann bei Wein auf nichts verzichten. Obwohl
die Kriterien für eine Degustation, also eine Weinprobe,
Aussehen, Geruch und Geschmack sind, fängt die Freude am Wein
schon vor dem ersten Blickkontakt an. Lässt der Wein doch
bereits beim Laut des Korkenziehens aufhorchen. Und auch das
sprudelnde und gluckernde Einschenken steigert bei vielen
Weinfreunden ebenso die Vorfreude auf den kommenden Genuss wie
das Klingen der Gläser beim Anstoßen. Entscheidend bei einer
Weinverkostung ist allerdings dreierlei: das Aussehen, die
"Nase" und der Geschmack.
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Hätte der Wein keinen Alkohol,
gäbe es keine Weinkenner. Einverstanden, aber allein damit lässt
sich die Faszination dieses Getränks wohl nicht erklären. Was
bringt Leute dazu, stundenlang über Wein zu debattieren? Was
treibt sie zu Degustationen, Blind-, Horizontal- und
Vertikalverkostungen, wo ja nicht eigentlich getrunken, sondern
nur der Mund gespült und gespuckt wird? Wie kommt es, dass
gewisse Leute mehrere tausend Franken hinlegen, um sich eine
spezielle Flasche in den Keller zu legen?
Nein, Wein ist nicht Bier und
auch kein Schnaps. Was ihn auszeichnet, ist neben der bloßen
Materie eine reiche Symbolik. Der Wein, kein Zweifel, ist ein
Kult- und Kulturgut. Seit Jahrhunderten ist er sowohl im
Christen- wie im Judentum Teil religiöser Zeremonien. Dem
Genießer der Neuzeit, der dem Zeitgeist huldigt, ist er neben
dem sinnlichen Vergnügen vor allem auch Statussymbol und
zugleich Objekt romantischer Verklärung. Der Wein erzählt vom
Boden und von Landschaften, vom Wetter und von Menschen, einmal
so und einmal anders. Aber immer ist er von Trauben gemacht, ob
er nun, wie einst der Sankt Magdalener, einsvierzig kostet oder
eintausendvier-hundert, wie die heiß begehrten Raritäten
heutzutage.
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