Schon von weitem sieht man den langgestreckten Bergrücken des
763 m hohen Odilienberges mit dem Kloster. Der Mont Ste. Odile
ist eines der bekanntesten Ausflugsziele und gleichzeitig der am
häufigsten besuchte Wallfahrtsort im Elsass. Der Odilienberg
wird der heilige Berg des Elsass genannt.
Wer sich westlich
von Straßburg in Richtung der Westvogesen aufmacht, kann bei
gutem Wetter den heiligen Berg des Elsass ausmachen, der nach
der Patronin des Landes Odilienberg getauft wurde. Scheint die
Sonne, liebt sie es, sich im Dach des Klosters, aber auch in der
überdimensionalen Statue der Heiligen auf dem Berg
widerzuspiegeln. Wie ein Diamant leuchtet dann die Bergesspitze
auf und sendet ihre Strahlen weit ins Land, ein Phänomen, das
dieser Örtlichkeit den Namen einer Gralsburg einbrachte. Funde
beweisen, dass mindestens schon 2000 v. Chr. hier oben Menschen
siedelten.
Tausend Jahre
später soll die sogenannte Heidenmauer errichtet worden sein,
ein Befestigungswall, dessen Ausmaß alles übersteigt, was man in
Europa aus dieser Zeit bisher gefunden hat. Über zehn Kilometer
lang, über einen Meter dick und bis zu vier Meter hoch, schließt
sie das Bergplateau und seine Umgebung ein. Vielleicht hielt
sich ein ganzes Volk auf diesem hundert Hektar großen Gelände
auf. Zumindest muss bei der damaligen Bevölkerungsdichte das
ganze obere Rheintal daran gebaut haben.
Eine Stadt, ein
Zufluchtsort? Weder wurden Waffen noch ausreichend andere
Gegenstände gefunden, die einen solchen Schluss zulassen. Warum
aber dann solche Befestigunsmühen? Oder wollte man vielleicht
ein Zentralheiligtum schützen? Bleiben schon die Beweggründe im
Unklaren, die eine ganze Bevölkerung sicher viele Jahrzehnte
lang über 40.000 m³ bewegen ließen, so lassen sich auch die
Bebauer bisher nicht ermitteln. Die damalige Urbevölkerung wäre
dafür nicht fähig gewesen. Die Kelten, denen der Bau
zugeschrieben wird, haben an keinem Ort in dieser Weise Mauern
errichtet. Das Ineinanderfügen megalithischer Bauwerke durch
Eichenzapfen findet sich höchstens beim Heiligtum im
griechischen Delphi oder in Mykene. Was aber hat hier
hellenischer oder mykenischer Einfluss zu suchen, der nicht nur
den Archäologen auffiel?
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Mit Sicherheit
gelangten zu Zeiten von Julius Caesar Römer in die Gegend
zwischen Vogesen und Rhein, errichteten auf diesem Berg "Altitond'
ein Castellum und hielten die Gegend bis um das Jahr 400
besetzt. Feen- und Opfersteine sowie eine Druidenhöhle bezeugen
aber, dass dieser Berg schon immer kultischen Diensten diente.
Man vermutet als eigentlichen Mittelpunkt eine Sonnenkultstätte
an dem Platz der heutigen Michaelskapelle. Christliche
Jahrhunderte weihten gern solche nach Osten ausgerichteten
Anbetungs- und Meditationsstätten dem Erzengel Michael. In alten
Zeiten, wie heute, behauptete man, dass das Licht der inneren
wie äußeren Sonne uns nicht direkt erreicht, sondern nur über
die Spiegelung der Planeten und Sterne. Dieses indirekte Licht
und seine schöpferische Potenz repräsentiert Michael, dessen
Name bedeutet: Wer ist wie Gott? Und scheinbar geht es jeden
Morgen neu im Osten auf und steht von daher für jede neue höhere
Windung unserer Lebensspirale wie überhaupt für jede Art von
Neubeginn.
Während der
Regierungszeit der Merowinger, des ersten fränkischen
Königsgeschlechtes, stellte die Familie der Ettichonen die
Herzöge des Elsass. Erster historisch nachweisbarer Vertreter
dieses Geschlechtes und vermutlich Ahnherr ist Etticho, dessen
Tochter Odilie um 660 im heutigen Obernai am Fuß des Berges das
Licht der Welt erblickte.
Zahlreiche Legenden ranken um beide Personen. So soll Odilie
blind zur Welt gekommen sein, wurde deswegen von ihrem Vater
verstoßen und von der Mutter heimlich in das iroschottische
Frauenkloster Baume-les-Dames im damaligen Burgund gebracht.
Dieses Kloster liegt ganz in der Nähe der Grotte von Maria
Magdalena, die hier ihren ersten Aufenthalt nach dem Verlassen
Palästinas genommen habe.
Ein Bischof von Regensburg mit Namen Erhard hatte in dieser Zeit
eine Vision, in einem Kloster mit Namen Balma (Höhle?) ein
blindes Kind auf den Namen Odilie (Sol Dei = Sonne Gottes oder
Sol Deus = Gott ist die Sonne) taufen zu sollen. Er
identifizierte Balma mit Baumes-les-Dames und taufte dort die
nun Zwölfjährige, die dabei umgehend sehend wurde.
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Zur Zeit der
Staufer ließ Kaiser Barbarossa, der Odilie und diese Stätte sehr
verehrt haben soll, Kloster und Kirche neu erbauen und berief
als Äbtissin Relindis, die dort eine Schule für Fürstentöchter
des Reiches leitete. Ihre Nachfolgerin war Herrad von Landsberg
(1167-1195), die den berühmten Hortus Deliciarum
(Paradiesgarten) verfasste, eine Art christlicher Enzyklopädie
in Form einer bebilderten Handschrift voller mystischer Tiefen,
die leider nur noch in Teilen und als Abschrift erhalten blieb.
Spätestens in dieser Zeit blüht auf dem Berg ein Zentrum der
Mystik und spirituellen Schulung, dessen strahlendes Licht bis
in ferne Länder drang. Kriegswirren, Reformation und später die
Französische Revolution stellten das Heiligtum vor große
Belastungsproben.
Erst seit 1853,
als die katholische Bevölkerung des Elsass durch Spenden den
Berg aus Privathand zurückkaufte, lebte die Wallfahrtsstätte
wieder auf. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges leisteten
Ortsansässige ein Gelübde ewigen Gebetes in der Klosterkirche,
wenn sie von den Kriegswirren verschont würden. Sie blieben
verschont, und seitdem wird hier ununterbrochen Tag und Nacht
gebetet, was ein Fluidum schuf, dem man sich kaum entziehen
kann. Auf dem Hintergrund dieser Geschichte zwischen Legende und
Historie ranken alte und neue phantastische Stränge.
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In der
Kreuz-Kapelle auf dem Odilienberg befindet sich der
Steinsarkophag Ettichos, sein sogenanntes Grabmal. Eine
altehrwürdige Tradition will in solchen Steinsärgen nur Heilige
oder Eingeweihte begraben sein wissen, so der hl. Bernward in
Hildesheim, und der hl. Wita in Bad Hersfeld. Auch die hinter
der Tränenkapelle in den Felsen eingehauenen Gräber mit
Kopfnischen werden für einen Friedhof gehalten. Man bezeichnet
sie als merowingisch, da sich erst in dieser Zeit die
Einzelbestattung durchsetzt. Doch sind es genau diese
sogenannten Gräber, die hier wie an ähnlichen Orten, so auch in
Andlau, mit der Tradition dieser Initiation in Verbindung
stehen. Jeder, der vor den Felsengräbem steht, sieht sofort,
dass die flachen Aushebungen wenig Sinn für ein wirkliches
Grabmal machen.
Der Name Elsass
lautete früher wohl auch Elisaza und Elisazonolant. Ein Hauch
von hebräischer Lautverschiebung? Jüdische Namen begegnen dem
aufmerksamen Sucher im Elsass und in Lothringen häufiger.
Elisaza birgt den Namen Elisa, Prophet und Schüler des Elias,
dem ähnliche Wunder wie später Jesu zugeschrieben werden und der
den berühmten Mantel seines Meisters erbte, Symbol für die
Nachfolge und Bewahrung einer geschätzten und beschützenden
Lehre und Befugnis. Die Schule des Elias hatte ihren Sitz auf
dem Berg Karmel, auf dem später die Essener ihr Stammkloster
errichteten. Die Essener wiederum sollen auf ihre ägyptischen
und gar atlantischen Wurzeln bestanden haben. Deuten die
sogenannten Atlanterhände, die an der Mittelsäule der
Kreuzkapelle neben dem Ettichosarg das Fußkapitell stützen, auf
eine viel ältere Tradition?
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Der Odilienberg
ist auch ein interessantes Wandergebiet. Verschiedene Wege an
der Heidenmauer entlang sind gut ausgeschildert. Empfehlenswert
ist der südliche Rundgang, teils an Felsen, teils an oder auf
der Mauer entlang bis zum Männelstein (817 m hoch, herrliche
Aussicht, schöner Platz für das mitgebrachte Picknick), weiter
bis zur Grotte des Druides und zurück zum Parkplatz.
Die zweite Rundstrecke führt an zwei Burgen, der Ruine
Hagelschloss am nördlichsten Ende der Heidenmauer und an der
Burgruine Dreistein, vorbei. Auf beiden Wegen hat man eine
herrliche Aussicht auf die bewaldeten Berge der Vogesen und auf
die kleinen Dörfer und Städte in die Rheinebene. Zum Schutz des
Klosters auf dem Odilienberg und unterhalb des Berges gelegenen
Klosters Niedermünster wurden im Mittelalter zahlreiche Burgen
rund um den Berg angelegt.
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