Das Unterlinden Museum ist im früheren Unterlinden – Kloster des
Dominikanerinnen untergebracht, das sich seit seiner Gründung im
13. Jh. In kurzer Zeit zu einer Hochburg rheinischer Mystik
entwickelte. Während der Französischen Revolution verwahrlosten
die Gebäude. Sie wurden später durch die 1847 gegründete
Schongauer Gesellschaft vor dem Verfall bewahrt, indem diese in
den Mauern ein Museum einrichtete. Das römische Mosaik aus
Bergheim fand hier seinen Platz, sowie das während der
Revolution beschlagnahmte Kulturgut, Gemälde und Skulpturen aus
Mittelalter und Renaissance.
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Wer Ende des 19.
Jahrhunderts das bekannteste Museum des Elsass betrat, sah sich
einem reichlich verwirrenden Allerlei gegenüber. Unter den
gotischen Arkaden aus rotem Granit hat man die Trümmer von
Statuen, Grabsteine, alte Kunstschmiedearbeiten und ehrwürdige
Aushängeschilder dicht übereinander gestapelt. Wie wenig die
damalige Ausstellungspraxis erst recht den heutigen musealen
Sehgewohnheiten gerecht wurde, zeigt das Colmarer
Unterlindenmuseum nun.
In der Präsentation seiner Sammlungsgeschichte von der
Revolution bis zum Ersten Weltkrieg spiegelt sich recht
eindrucksvoll der wendische Zeitgeist, wobei die Frage offen
bleibt, wie sich der deutsch-französische Dauerkonflikt und die
wechselnden Regierungen im Elsass auf die dortige Museumskultur
auswirkten.
Kaum vorstellbar, dass den ersten Besuchern im neuen Colmarer
Sammlungsdepot - nichts anderes war das Museum in seinen ersten
Jahren - nicht der Isenheimer Altar des Meisters Matthias
Grünewald ins Auge stach, sondern ein Bild, das uns heute eher
das Gruseln lehrt Der pathetische "Wagen des Todes" eines
gewissen Théophile Schuler, der seinen Frust über die Revolution
von 1848 in schwülstige, ungewollt komische Allegorien
verpackte. Grünewalds große Zeit sollte erst noch kommen.
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Doch zurück zu
den Anfängen! Dass die erhaltenen Bauten des einstigen Colmarer
Dominikanerinnenklosters aus dem 13. Jahrhundert nicht wie
geplant der Spitzhacke zum Opfer fielen, sondern die im Collège
National deponierten naturkundlichen und historischen Sammlungen
aufnahmen, verdanken sie der Initiative des Colmarer
Bibliothekars Louis Hugot, seines Zeichens Gründungspräsident
der neuen Société Schongauer.
Die widmete sich, ganz im Geist der Romantik, der Pflege jenes
Elsässer Kulturguts, das während der Revolution von zwei
beherzten Kommissaren zusammengetragen und vor der Zerstörung
bewahrt worden war. Die Gesellschaft verwaltete ein
Kupferstichkabinett mit wichtigen Grafiken des Namensgebers und
eine Zeichenschule für die florierende regionale
Stoffdruckindustrie. Zahlreiche Schülerarbeiten neben berühmten
Vorlagen, zuvorderst Dürers "Melancholie" und Schongauers
Kreuzigung, künden in der Jubiläumsschau von einer
Künstlerausbildung, die sich vornehmlich auf perfekte Nachahmung
beschränkte.
1853 suchte die Gesellschaft eine Bleibe für den größten antiken
Schatz der Region, ein im Dörfchen Bergheim entdecktes
spätrömisches Mosaik. Man verfiel auf die Kapelle des seit der
Revolution verwaisten Klosters, das als Kavalleriekaserne arg
gelitten hatte. Nur einige nostalgische Maler hatten für das
marode Gemäuer bisher Interesse gezeigt.
Seit 1801 die Pariser Regierung den Aufbau von Provinzmuseen
angeordnet hatte, dachte man auch in Colmar über eine zeitgemäße
Präsentation lokaler Schätze nach. Die Ordnung des Wissens
verlief aber zunächst völlig konzeptlos. So war im neuen Museum
auch eine "naturhistorische Sammlung" zu sehen, zu deren
Hauptattraktionen eine ägyptische Mumie gehörte. Wie pittoresk
sich die Ausstellungspraxis dieser Tage ausnahm, zeigt eine nach
alten Fotos rekonstruierte Vitrine. Was zählte, war vor allem
die ästhetische Anmutung. Streng katalogisiert und
hierarchisiert wurde das musealisierte Wissen erst in den
60er-Jahren, als die Elsässer Gemäldesammlung dank großzügiger
Bildgeschenke ins Zentrum des Interesses rückte.
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Hoch im Kurs
standen damals folkloristische, historische und sentimental
gestaltete biblische Motive, wie Gustave Dorés Engel und die
sinnende Magdalena von Jean Henri, die eher auf Männerfang denn
auf Askese aus zu sein scheint. Selbst ein Rembrandt befand sich
damals im Museum - bis sich die Gesellschaft zum Verkauf
entschloss, um vom Erlös eine Heimatkunstsammlung zu erstehen.
Ironie des Schicksals Aus dem Kauf wurde nichts, und Rembrandts
"Dame mit Hündchen" hängt jetzt in Toronto. Colmar blieb nur die
Kopie.
Die Neubewertung des Isenheimer Altars entschädigte allerdings
reichlich für den Kunstverlust. Kaum ein Meister der Moderne,
der sich vom Glanzstück des rätselhaften Farbmystikers Grünewald
nicht angesprochen fühlte. Changierend zwischen frommer Vision
und krassem Realismus, faszinierte das Retabel 1917 während
seiner Münchner Ausstellung auch den vom Krieg gezeichneten Max
Beckmann, wurde ihm gar zum künstlerischen Schlüsselerlebnis.
Dessen Grafik "Morgue" von 1915 hat das Museum bereits erworben.
Noch immer wächst die Sammlung.
So verfügt man seit Jahren auch über eine ansehnliche moderne
Abteilung mit drei späten Picassos. Doch dürfte ihretwegen kaum
jemand nach Colmar kommen. "Unterlinden" bleibt ein Synonym für
Grünewald. Allein sein Altar macht das Haus zum meistbesuchten
französischen Provinzmuseum. Das übrige wird von den meisten
Besuchern nur im Vorbeigang gestreift - sehr zu Unrecht. Mit
interessanten historischen Fotografien und zahlreichen sonst
verborgenen Werken aus dem Depot empfiehlt sich auch diese gut
aufbereitete Metaschau. Stellt sie doch - ganz en passant - auch
die Frage nach den Konstanten des Kulturbegriffs.
Weitere Informationen:
Musée d'Unterlinden
1 rue d'Unterlinden
F 68000 Colmar
+33 (0)3 89 20 15 50
info@musee-unterlinden.com
www.musee-unterlinden.com
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