Kernstück der Kulturlandschaft "Dessauer Gartenreich" ist
der Wörlitzer Park, der nicht nur die erste umfassende Verwirklichung des
englischen Landschaftsparks auf dem europäischen Kontinent darstellt, sondern
auch einige der frühesten klassizistischen und neogotischen Gebäude in
Deutschland beherbergt.
Das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angelegte
Gartenreich Dessau-Wörlitz darf sich seit dem Jahr 2000 zum Unesco-Kultur- und
Naturerbe der Welt zählen.
Auf einer Stufe neben chinesischer Mauer, Mont Saint-Michel, ägyptischen
Pyramiden oder dem Kölner Dom hat das Gartenreich Dessau-Wörlitz in Sachen
Publizität einiges nachzuholen, doch der, der es einmal besucht und durchwandert
hat, wird begeistert zurückkehren mit dem Eindruck, ein einzigartiges
kulturelles Juwel in Augenschein genommen zu haben.
Geistige Väter der Anlage waren der Fürst Leopold III. Friedrich Franz von
Anhalt-Dessau und dessen Freund und Berater, der Architekt Friedrich Wilhelm von
Erdmannsdorff. Beide waren auf ihre Art eigenwillige und innovative Köpfe. Der
Fürst, der schon früh wegen seiner Auffassungen mit Preußenkönig Friedrich II.
zusammenstieß, wollte mit der Parklandschaft sein aufgeklärtes Reformprogramm
verwirklichen, durch das er sein kleines Fürstentum Anhalt-Dessau zum
"Musterländchen" eines aufgeklärten Absolutismus gestalten wollte.
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Bedeutender Einfluss für beide war die Kunst und Kultur des zeitgenössischen
England, welches beide mehrmals besuchten. Beeindruckt wurden sie durch den
englischen Geist für das Praktische, Bequeme und die Fähigkeit, das Schöne mit
dem Nützliche zu verbinden. Dies war der steifen Hofkultur des
spätabsolutistischen Europa eher fremd. Ebenso einflussreich war die Vorliebe
der Engländer für die Kunst der römischen Antike, die gerade erst wiederentdeckt
wurde. Der Autodidakt Erdmannsdorf traf hier auf die Architektur des englischen
Palladianismus, der neben der klassischen italienischen Architektur und
römischer Innenraumgestaltung wichtigstes Vorbild für seine eigenen
Architekturschöpfungen werden sollte.
1764 begann man mit der Anlegung des Wörlitzer Parks und seinen zahlreichen
Bauten, die sich bis 1800 hinziehen sollte. Nach dem Vorbild englischer
Landschaftsgärten entstand ein Gesamtkunstwerk aus dem Zusammenspiel von
Architektur und Gartenbau. Dem Betrachter wird dabei eine raffiniert inszenierte
Landschaft vorgeführt, die trotzdem natürlich wirkt.
Gemäß den didaktischen Ansprüchen seiner Schöpfer, sollte der Park nicht nur
erfreuen, sondern gleichzeitig auch belehren. Dazu dienten vor allem die
verschiedenen Bauwerke mit Anklängen an die römische Antike,
Menschheitsgeschichte und Philosophie. Sie sollten beim Betrachter bestimmte
Assoziationen auslösen und zum Nachdenken anregen. Tatsächlich war der Park von
Anfang an für jedermann geöffnet, wie übrigens auch das fürstliche Sommerschloss
im Park, das Erdmannsdorf 1769-73 im frühklassizistischen Stil errichtete.
Der Park sollte nach englischem Vorbild aber auch einen nützlichen Aspekt
haben: die zahlreichen Rasenflächen im Park wurden als Schafweide genutzt,
Nutzbauten wie Schuppen und Wirtschaftsgebäude wurden nach außen hin in das
Architekturprogramm des Parks einbezogen. Somit wurde der Park zu einer
Manifestation aufklärerischer Ideale, die dem Betrachter auch noch heute vor
Augen stehen.
Alle Bestandteile des Gartenreiches lassen sich geographisch in drei Abschnitte
einteilen. Im Westen erstreckt sich der zum Teil wieder hergestellte Garten
Großkühnau mit Schloss Kühnau. Dann folgt das Georgium mit Landhaus, Rotunde und
Römischen Ruinen. Schloss Georgium, 1780 von Prinz Johann Georg, einem Bruder
des Fürsten als Antwort auf Wörlitz erbaut, besitzt seit 1959 erlesene
Kunstwerke der Gemälde- und Graphiksammlungen anhaltischer Fürstenhäuser.
Klassizistische Skulpturen, die wirkungsvoll in die Naturszenerie
hineinkomponiert wurden, zieren den Georgenpark, zweitgrößter Englischer Garten
im Gartenreich.
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Nordöstlich der Stadt Dessau erstreckt sich der mittlere Abschnitt. Fürst Franz
ließ dort seiner Frau Luise von Brandenburg-Schwedt zu Ehren eine kleine
Gartenanlage mit klassizistischen und neugotischen Baudenkmälern gestalten. Noch
heute bei Hochwasser als Deich wirksam, dient der Kuppenwall mit dem Gebiet um
den Leiner See als natürliches Bindeglied zwischen den Ziergärten und Parks von
Dessau und Wörlitz. Ein umfassender Baumbestand charakterisiert die Landschaft
auf dem Sieglitzer Berg. Einst fürstliches Jagdrevier, kommt dem im 18.
Jahrhundert wieder hergestellten und gestalterisch veränderten Tiergarten die
Funktion eines Übergangsgebietes zu den landwirtschaftlich genutzten Bereichen
zu.
Im südlichsten Bereich des Tiergartens liegen die Möster-Wiesen, wovon auf einer
Fläche von 10 Hektar die für das 18. Jahrhundert typischen Obstpflanzungen
angelegt wurden. Felder und Deiche sowie Windturm und Landjägerhaus bei den
Dörfern Mildensee und Waldensee sind gleichfalls Bestandteile des Gartenreichs.
Überall entlang der Deiche im Gartenreich schuf Erdmannsdorff seine typischen
Wachhäuser, die neben ihrer ästhetischen Wirkung dazu dienten, bei
Hochwassergefahr Deich und Flussstand im Auge zu behalten. Eines dieser
landschaftsprägenden Baudenkmäler ist einem kleinen Römerkastell nachgebildet.
Neben Fliederwall, den Wörlitzer Anlagen und den Ortschaften Schönitzsee,
Riesigk mit Erdmannsdorffs palladianischem Mehrzweckbau gehören Stadt und
Schloss Oranienbaum sowie das Mosigkauer Schloss zum Gartenreich.
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Goethe besuchte das Gartenreich Ende des 18. Jahrhunderts gleich achtmal. Der
Dichterfürst erkannte in der Schöpfung den "Charakter elysäischer Felder" und
beurteilte die Leistungen des Landesvaters in "Dichtung und Wahrheit" so: "Alles
sprach zu Gunsten eines Fürsten, der, indem er durch sein Beispiel den Übrigen
vorleuchtete, Dienern und Untertanen ein goldenes Zeitalter versprach."
Nach heutigen Vorstellungen gleicht das Gartenreich eher einem
Gesamtkunstwerk als einer historischen Parklandschaft aus dem 18. Jahrhundert.
Die Kombination aus Natur und rund 100 historischen Bauwerken in der
weitflächigen Auen- und Deichlandschaft zwischen Elbe und Mulde gilt als
einzigartig auf dem europäischen Kontinent.
Seit 1997 kümmert sich die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz um das Gartenreich
und die Baudenkmäler, die eine Gesamtfläche von 145 qkm einnehmen. Wörlitz ist
mit rund 1 Million Besuchern pro Jahr der mit Abstand meistfrequentierte Bereich
der von der UNESCO ausgezeichneten Kulturerbe-Stätten. Denn auch das ältere
Barockschloss Oranienbaum, das Rokoko-Ensemble Mosigkau, die Schlösser Georgium
und Großkühnau, das klassizistische Landhaus Luisium sowie der Sieglitzer Park
gehören zum Weltkulturerbe.
Weitere Informationen:
Kulturstiftung
Dessau-Wörlitz
Museum Schloss Oranienbaum
06785 Oranienbaum
Tel.: 034904/ 20259
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