Berlin stellt das
politische Gravitationszentrum Deutschlands dar. Berlin ist Sitz
des Deutschen Bundestages, des Bundesrates und der
Ländervertretungen der Bundesländer. Es besitzt eine Vielzahl an
Hauptstadtbüros von Verbänden und Unternehmen und eine
vielfältige Presselandschaft. Hier laufen die Fäden der Politik
auf Bundesebene zusammen. Nur
ein Steinwurf weit vom Brandenburger Tor entfernt liegt das Reichstagsgebäude.
Der Reichstag ist der
Sitz des Deutschen Bundestages und mit seiner Kuppel der beliebteste
Publikumsmagnet Berlins. Seine bewegte Geschichte spiegelt die Turbulenzen der
Deutschen Historie seit dem 19. Jahrhundert wieder.
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Die Geschichte des deutschen
Nationalstaats ist zugleich eine Geschichte des deutschen Parlamentarismus.
Unter Bismarcks Ägide vollzog sich der Wandel vom Deutschen Bund, einem
Staatsverband von zuletzt 34 nahezu souveränen Staaten, zum föderalen
Nationalstaat. Wenn auch einzelne der Bundesstaaten sich noch der
Parlamentarisierung ganz oder teilweise versagten, durch das
Dreiklassenwahlrecht in Preußen zum Beispiel oder durch die altständische
Verfassung in den beiden Großherzogtümern Mecklenburg, so erlaubte nun doch der
Nationalstaat erstmals allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlen in ganz
Deutschland, Wahlen zum Reichstag. Die neu errungene politische Macht der Bürger
verlangte nach angemessener architektonischer Repräsentation. Doch bevor der
Neubau eines Reichstagsgebäudes zustande kam, musste sich das Parlament aufgrund
verschiedener Hindernisse, die sich bei der Suche nach einem geeigneten
Grundstück ergaben, zunächst mit provisorischen Unterbringungen zufrieden geben.
Der erste neu gewählte
gesamtdeutsche Reichstag trat zu seiner ersten Sitzung Ende März 1871 in einem
Gebäude in der Leipziger Strasse 75 zusammen. Dieses hatte zuvor u.a. dem
preußischen Abgeordnetenhaus als Tagungsort gedient. Der schlechte bauliche
Zustand des Gebäudes führte bereits im folgenden Monat zu einer Debatte im
Reichstag über den Neubau eines Parlamentsgebäudes. Es ist bezeichnend für das
Selbstbewusstsein der Abgeordneten, dass sie den Vorschlag der Regierung,
lediglich auf dem Grundstück des Kanzleramtes ein kleineres Parlamentsgebäude zu
errichten, ablehnten. Sie forderten ein frei stehendes Gebäude, da es sich doch,
wie die Deutsche Bauzeitung später formulierte, "um den bedeutendsten und dem
Range nach ersten Monumentalbau des deutschen Volkes" handele. Eine
Reichstagsbaukommission wurde eingesetzt, der Reichstag bezog als neues
Provisorium das Gebäude der Königlichen Porzellanmanufaktur zu Berlin in der
Leipziger Strasse 4 und entschied sich bei der Wahl eines Baugrundstückes für
das künftige Parlamentsgebäude für die Ostseite des damaligen Königsplatzes.
Noch im Jahre 1872 wurde ein erster Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Über
100 Entwürfe, darunter solche aus England, Amerika und Frankreich, erreichten
die Reichstagsjury. Sie vergab einen ersten Preis, doch der Entwurf des
Preisträgers musste zu den Akten gelegt werden, da es nicht gelang, den Besitzer
des vorgesehenen Baugrundstückes, den Grafen Raczynski, zur Aufgabe seines dort
gebauten Palastes zu bewegen. Erst im Jahre 1882 konnte nach einer Einigung mit
den Erben des Grafen Raczynski die Enteignung gegen Zahlung einer Entschädigung
durchgesetzt werden.
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So wurde im Jahre 1882 der zweite
Wettbewerb für das Reichstagsgebäude ausgeschrieben. Unter nahezu 200
eingereichten Entwürfen erhielt derjenige von Paul Wallot (1841-1912) den ersten
Preis. Der aus Oppenheim stammende Architekt hatte seine Lehrzeit in Berlin u.a.
im Büro von Martin Gropius verbracht und war später nach Frankfurt am Main
übergesiedelt. Das Wallot und nicht ein Berliner Architekt den ersten Preis
erhalten hatte, führte zunächst zu einigen Intrigen und Pressequerelen.
Auch blieb es Wallot nicht
erspart, seinen preisgekrönten Entwurf mehrfach überarbeiten zu müssen. Erst am
9. Juni 1884 konnte schließlich in einer prunkvollen Feier - Kaiser Wilhelm I.
und Reichskanzler Fürst Bismarck nahmen an ihr teil - der Grundstein gelegt
werden. In der Folgezeit musste Wallot energisch darum kämpfen, die Kuppel -
entsprechend seinem ursprünglichen Entwurf - zentral über dem Sitzungssaal
anzubringen. Wallot betrachtete die Kuppel sowohl aus Gründen der Lichtwirkung
im Gebäude als auch für die ästhetische Gesamtwirkung des Gebäudes, die
Verteilung der Baumassen also, als unerlässlich. Was seiner Konzeption einen
besonderen Rang verlieh, war die Tatsache, dass in der damaligen Zeit ein
solcher Kuppelbau eine technische Meisterleistung darstellte, gleichsam ein
Symbol zukunftsweisender Ingenieurbaukunst. Nicht weniger energisch musste sich
Wallot gegen die Versuche Kaiser Wilhelms II., eigenwillig, aber doch
dilettantisch mitzuentwerfen, zur Wehr setzen. Freilich trug ihm diese aufrechte
Haltung kaiserliche Ungnade ein. Diese äußerte sich in wiederholt, auch
öffentlich vorgetragener unsachlicher Kritik an der Architektur des
Reichstagsgebäudes und führte zu des Kaisers Weigerung, Wallot - trotz eines
einstimmigen Jury-Urteils - die Goldmedaille der großen Berliner
Kunstausstellung zu verleihen.
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Am 5. Dezember 1894 endlich
konnte die Schlusssteinlegung gefeiert werden. Am gleichen Tag fand die
Reichstagseröffnung im Berliner Schloss statt. Kennzeichnend für die bestehende
Dominanz des Militärischen über das Zivile war der - freilich von der Presse
kritisierte - Umstand, dass der Reichstagspräsident von Levetzow an der
Zeremonie in der Uniform eines Landwehrmajors teilnahm. Die gleiche Atmosphäre
erhellt aus dem Schicksal der Giebel-Inschrift. Bei der Schlusssteinlegung
fehlte sie noch, da der Wortlaut, "Dem Deutschen Volke", dem Kaiser aus
offensichtlicher Distanz zum Parlamentarismus unwillkommen war. Er hätte dem
Schriftzug "Der Deutschen Einigkeit" den Vorzug gegeben. Erst im Jahre 1916,
mitten im Ersten Weltkrieg, wurde sie - entworfen von dem Jugendstilkünstler
Peter Behrens - mit der Zustimmung des Kaisers angebracht, der in politisch
schwieriger Lage dem Parlament Entgegenkommen bezeigen wollte.
Zwei Jahre später stand das
Reichstagsgebäude im Mittelpunkt der revolutionären Ereignisse in Berlin. Nach
der Abdankung des Kaisers rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9.
November 1918 von einem Fenster des Gebäudes die Republik aus, und im Plenarsaal
tagten die Berliner Arbeiter- und Soldatenräte. Infolge der Unruhen in Berlin
wurde die im Januar 1919 gewählte verfassungsgebende Nationalversammlung nicht
nach Berlin in das Reichstagsgebäude, sondern in das Staatstheater nach Weimar
einberufen und dort Anfang Februar 1919 eröffnet. Erst in der zweiten Hälfe des
Jahres 1919 kehrten die Parlamentarier in das Reichstagsgebäude zurück.
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Wie der Beginn so war auch das
Ende der Weimarer Republik eng mit dem Schicksal des Reichstagsgebäudes
verknüpft. Ein vermutlich von dem holländischen Kommunisten van der Lubbe
gelegter Brand zerstörte den Plenarsaal des Reichstagsgebäudes in der Nacht vom
27. auf den 28. Februar 1933. Der Brand bot den Nationalsozialisten den
willkommenen Vorwand, in einer offenkundig schon vorbereiteten Aktion mitten im
Wahlkampf führende kommunistische Abgeordnete zu verhaften, die
sozialdemokratische Presse vorübergehend zu verbieten und wichtige Grundrechte
außer Kraft zu setzen. Wenigstens blieb dem Reichstagsgebäude durch den Brand
erspart, zum Ort der Verabschiedung des "Ermächtigungsgesetzes" zu werden. Mit
der Annahme dieses Gesetzes am 23.März 1933 entmachteten sich die verbliebenen
Parlamentarier selbst. Lediglich die Sozialdemokraten stimmten gegen das Gesetz.
Die Abstimmung fand in der dem Reichstagsgebäude gegenüberliegenden Krolloper
statt.
Bis zum Ende des Zweiten
Weltkrieges wurde das Gebäude nicht mehr für parlamentarische Zwecke genutzt. In
der Endphase der Kämpfe um Berlin tobte ein besonders erbittertes Gefecht um das
Reichstagsgebäude, da seiner Eroberung von der sowjetischen Führung offenkundig
große symbolische Bedeutung beigemessen wurde. Weltweit bekannt wurde das -
inszenierte - Foto der Flaggenhissung durch Soldaten der Roten Armee auf dem
Hauptgesims der Ostfassade des Reichstagsgebäudes.
Nach dem Kriege bildete die Ruine
des Gebäudes den Hintergrund für die gewaltige Demonstration der Berliner am 9.
September 1948 während der Blockade Westberlins, als Oberbürgermeister Ernst
Reuter seinen berühmten Appell "Ihr Völker der Welt ... Schaut auf diese Stadt"
an die freie Welt richtete.
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Zu Beginn der fünfziger Jahre
wurden dann erste Enttrümmerungsarbeiten in der Ruine durchgeführt. Infolge
einer fragwürdigen Entscheidung wurde die beschädigte Kuppel gesprengt, später
wurde ein Teil der Fassade unter Entfernung des historischen Stucks
wiederhergestellt. Erst im Jahre 1955 beschloss der Deutsche Bundestag definitiv
den Wiederaufbau, allerdings zunächst ohne Festlegung einer späteren Nutzung.
Nach Ausschreibung eines beschränkten Wettbewerbs erhielt schließlich Paul
Baumgarten im Jahre 1961 den Auftrag zum Ausbau des Reichstagsgebäudes. Dieser
wurde bis zum Jahre 1973 vollendet. Bereits im Jahre 1971 war vom Deutschen
Bundestag im Reichstagsgebäude die Ausstellung "Fragen an die deutsche
Geschichte" eröffnet worden. Bundestagssitzungen durften seit dem
Viermächte-Abkommen von 1971 ohnehin nicht in Berlin abgehalten werden,
lediglich Fraktions- und Ausschusssitzungen fanden daher in den neu
eingerichteten Sitzungssälen statt. Gleichwohl war im Zentrum des Hauses ein
vollständiger Plenarsaal hergerichtet worden, der jederzeit den Abgeordneten
eines wiedervereingten Deutschlands hätte Platz bieten können.
Seine Stunde kam am 4. Oktober
1990: Das erste gesamtdeutsche Parlament trat zu seiner ersten Sitzung im
Reichstagsgebäude zusammen. Doch das Gebäude sollte noch stärker in den
Mittelpunkt des politischen Geschehens rücken, und zwar durch den
Bundestagsbeschluss vom 20. Juni 1991, Parlament und Regierung nach Berlin zu
verlegen, sowie durch den Beschluss des Ältestenrates des Deutschen Bundestages,
das Reichstagsgebäude zum Sitz des Bundestages zu erheben.
Nach einem 1992 ausgelobten
internatonalen Architektenwettbewerb wurde Sir Norman Foster mit den
Umbauarbeiten beauftragt. Mit der Verhüllung des Gebäudes durch Christo vor
Beginn der Umbauarbeiten stand das Reichstagsgebäude im Jahre 1995 im Blickpunkt
der Weltöffentlichkeit.
Auch die Wiedererrichtung einer -
wenngleich gegenüber Wallots Werk modifizierten - Kuppel ist inzwischen
realisiert. Der Deutsche Bundestag eröffnet im April 1999 das umgebaute
Reichstagsgebäude mit einer feierlichen Sitzung. Am 23. Mai 1999 wählt die
Bundesversammlung den neuen Bundespräsidenten an gleicher Stelle. Im September
1999 verlegt der Deutsche Bundestag seinen Sitz endgültig nach Berlin. Von
diesem Zeitpunkt an finden die Plenarsitzungen des Deutschen Bundestages im
Reichstagsgebäude statt.
Die begehbare Glaskuppel,
mittlerweile eines der Wahrzeichen von Berlin, eröffnet den unzähligen Besuchern
einen faszinierenden Einblick in den Bundestag.
Da der Besucherandrang relativ hoch ist, sollte man etwas Zeit mitbringen. Das
Warten lohnt sich allemal.
Generell
bietet ihnen der Besucherdienst des Deutschen Bundestages
folgende Möglichkeiten:
Vortrag
auf der Besuchertribüne des Plenarsaals in der sitzungsfreien
Zeit
- 45 Minuten
Vortrag mit Erläuterungen zu Aufgaben, Arbeitsweise und
Zusammensetzung des Parlaments
- Geschichte und
Architektur des Reichstags
- Individueller
Besuch der Reichstagskuppel
- Möglichst
frühzeitige Anmeldung nötig!
Besuch
einer Plenarsitzung
- ca. 1 Stunde
für Besuchergruppen, 2 Stunden für Einzelbesucher
- Individueller
Besuch der Reichstagskuppel
- Anmeldung
frühestens drei Wochen vor dem geplanten Termin
Eine
Übersicht über die Sitzungswochen erhält man beim Deutschen Bundestag.
Darüber hinaus
werden vom Deutschen Bundestag verschiedene, ca.
90-minütige Führungen angeboten, für die man sich als
Einzelbesucher anmelden kann:
Hausführung Reichstag
- Aufgaben,
Arbeitsweise und Zusammensetzung des Parlaments
- Geschichte und
Architektur
- Besuch der
Reichstagskuppel
Architektur und Kunstführung Reichstagsgebäude
- Kunst und
Architektur im Reichstag
- Kuppelbesuch
- Sa., So. und
an Feiertagen, 11:30 Uhr
Kunst und
Architektur im Paul-Loebe- und Jakob-Kaiser-Haus
- Erläuterungen
zu Kunst und Architektur
- Sa., So. und
ggf. an Feiertagen
Weitere
Informationen:
Platz der Republik 1
11011 Berlin-Tiergarten
S-Bahnstation: Unter den Linden
Tel.: 030 - 22 73 21 52
www.bundestag.de
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