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    "Grand Canyon des Schwarzwaldes"

 

Die urtümliche Wutachschlucht im Südschwarzwald ist ein Paradies für Wanderer und ein Dorado für Naturkundler. Wer einmal diese Urlandschaft im südlichen Baden durchstreift hat, der kommt bestimmt ein zweites und auch ein drittes Mal wieder. Wer die Wutachschlucht im Schwarzwald besucht, erlebt eine wildromantische Landschaft.

"Grand Canyon des Schwarzwaldes" - so wird die Wutachschlucht oft genannt. Und das zurecht, denn ihre Ausmaße sind wahrlich außergewöhnlich. 30 Kilometer lang und bis zu 200 Meter tief ist die beeindruckende Schlucht. In weniger als 100.000 Jahren hat sich der Fluss Wutach ein gewaltiges Tal in den Südschwarzwald gefressen. Damit ist sie die jüngste Schlucht der Erde und außerdem eine der letzten ursprünglichen Wildflusslandschaften Mitteleuropas.

Die Schlucht sieht, je nach Jahreszeit, anders aus, denn bei der Schneeschmelze im März steigt die Wutach bis auf zwei Meter an und wird zum gefährlichen Wildwasser, das Steine, Äste und selbst alte Bäume mitreißt. Dagegen sinkt der Wasserstand in den Sommermonaten auf 20 bis 30 Zentimeter ab.

Die ersten Fremden in der über viele Jahrhunderte unwegsamen Schlucht waren vor dem Jahr 1900 Gäste des ehemaligen Kurortes Bad Boll. Schon 1894 wurde das Kurbad vom Londoner "Fishing Club" übernommen. Der noblen Vereinigung von Fliegenfischern war der reiche Forellenbestand in der Wutach zu Ohren gekommen, fortan fischten die Londoner im Südschwarzwald. Ganz nebenbei erschlossen die Briten von 1904 an auch weite Teile der Wutachschlucht durch hölzerne Stege und schmale Pfade. Heute sind von dem ehemaligen Kurbad nur steinerne Zeugen zu erahnen - die Ruinen sind überwuchert.

Es ist ein einzigartiges Erlebnis, das hier die Natur selbst geschaffen hat. Neben dem wilden Rauschen der Wassermassen erlebt hier der aufmerksame Wanderer auf einer Strecke von rund 12,5 Kilometern viele seltene Tier- und Pflanzenarten. 500 Schmetterlingsarten, mehr als 2500 Pflanzenarten und viele Vögel wie der Eisvogel, der Wespenbussard, und der Gänsejäger haben die Schlucht zu ihrem Revier erkoren.

Hobbygeologen finden an den freigewaschenen Gesteinsformationen ein unermessliches Erkundungsfeld. Mit großem Einsatz arbeiten jedes Jahr die Mitglieder des Schwarzwaldvereines, die Wege und Stege in Schuss zu halten, denn schließlich sollen alle Besucher wieder unbeschadet die Schlucht verlassen. Gutes Schuhwerk und Trittsicherheit sind Voraussetzung für rund sieben Stunden Abenteuer pur.

Man kann die Strecke auch in zwei Etappen bewältigen. Empfehlenswert ist aber für gute Geher auf jeden Fall die Tour am Stück. Allerdings sollte dann der Rucksack etwas zum Trinken und Essen enthalten. Die Frage: "Wie komme ich wieder an den Ausgangspunkt?" ist bestens gelöst. Die ganze Wandersaison hindurch fährt am Samstag sowie an Sonn- und Feiertagen eine eigene Buslinie vom Parkplatz Wutachmühle zum Ausgangspunkt der meisten Wanderungen, zur Schattenmühle. Während der Wandersaison von Ende März bis Oktober kommen Jahr für Jahr 100.000 Wanderer in die Wutachschlucht.

Bester Startpunkt ist der Wanderparkplatz an der Lotenbrücke zwischen Gündelwangen und Bonndorf, südöstlich von Titisee. Der Abstieg durch die Lotenbachklamm ist wie ein Vorspiel für die dramatische Wutach. Steil geht es hinunter, über kleine Brücken und Leitern, an Wasserfällen vorbei und Tümpeln. Bäume scheinen fast im Wasser zu wurzeln, totes Geäst hängt zwischen nassem Gestein. Nymphen könnten hier baden, Feen sich verstecken. Käme ein „Freischütz“ des Weges, es wäre keine Überraschung.

Immer mal wieder bricht Gestein herunter und es kann rutschig werden. Für alle Fälle ist mit deutscher Gründlichkeit die gesamte Wanderstrecke in Notfallsektoren eingeteilt und ausgeschildert. Nach rund einer halben Stunde Abstieg durch die Klamm ist man unten an der Wutach angelangt und kann den ersten Wissensdurst stillen. Auf Informationstafeln wird anschaulich Geographie gelehrt. Die Wutach kommt im Ursprung vom Osthang des Feldbergs, heißt zunächst jedoch Seebach und schlängelt sich gemächlich durch das Bärental bis zum Titisee. Den verlässt sie als Gutach, als „gute“ Ach. Ehe sie sich südöstlich von Neustadt in die nun wütende Ach verwandelt, die mit Wassermacht jeden Widerstand bricht.

Von der Schattenmühle im Westen bis zur Wutachmühle am Ostausgang der Schlucht misst der Weg offiziell 12,5 Kilometer. Das deutet auf einen gemütlichen Spaziergang hin. Wie viel anstrengende Höhenmeter, steinige Strecken und Matsch-Stellen zu bewältigen sind, das verrät jedoch kein Schild. Das erste Wegdrittel führt vom Tal den Hang hinauf und wieder hinunter zum Fluss. Mal geht es durch Laubwald, mal durch kleine Auwiesen.

Bei Dietfurt wird der Fluss gequert. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts führt eine kleine Holzbrücke herüber, die lange Zeit die einzige Verbindung zwischen den Dörfern Löffingen im Norden der Wutach und Bonndorf im Süden war. Heute überspannen gleich drei Straßenbrücken den Fluss – bei Stallegg, der Schatten- und der Wutachmühle. Die ganz eiligen Touristen nützen die bequeme Anfahrt schon mal zu einem Mini-Ausflug in die Schlucht, ohne zu ahnen, dass sie weder für Sandalen noch Stöckelschuhe geeignet ist.

Was sich auf der Karte als Kurort ausgibt – und oft mit dem gleichnamigen württembergischen Bad verwechselt wird – ist in Wahrheit nur noch eine Erinnerungsstätte. Im hölzernen Pavillon wird auf Schautafeln berichtet, dass Mineralquellen an der Wutach schon um 1 600 Linderung gegen allerlei körperliche Gebrechen brachten, 1849 die Wirkung vor allem „gegen Grätze“ wieder entdeckt wurde. Dass sich alsbald ein reges Kurleben entwickelte, vermerkt die Tafel und auch, dass ein Hotel gebaut wurde. Bis Mitte der siebziger Jahre wurde das alte Kurhotel noch als Klinik genutzt. Dann geriet es in Brand und wurde später völlig abgetragen.

Am Weg an der Wutach wurde dagegen ständig weitergebaut. Aus dem Jahr 1904 stammt der erste hochwassersichere Pfad ab Bad Boll. Hier beginnt gewissermaßen das zweite Wegdrittel der Wanderung – mit überraschenden Szenen, Verwerfungen und dramatischen Höhepunkten. Erst ist es ein Wiesenweg, an dem riesige Blattpflanzen wuchern. Fast mannshoch wachsen die blauen Disteln. Kenner identifizieren unauffälligere Schönheiten wie Felsennelken, Türkenbund oder Mondviolen.

Der Weg zieht sich an der Bergflanke hoch, senkt sich dann allmählich wieder hinunter an den Felshängen, die beständig Farbe und steinerne Beschaffenheit wechseln. Gneise, Granit und Porphyre gibt es zu bewundern, vulkanische Gesteine aus Quarz, Glimmer und Feldspat, Schichten aus zusammengepresstem Geröll, Sand und Ton, aus organischen Niederschlägen wie Steinsalz, Gips, Mergel, Kalk und Dolomit, versteinerten Schalen oder Resten von Tieren und Pflanzen, von Seelilien und Stachelhäutern.

Schließlich geht es noch einmal hoch hinauf, fast bis an die Oberkante des Steilabfalls. Der Blick nach unten macht trotz sicheren Geländers schwindlig: Fast 200 Meter tief hat sich der Fluss in die Landschaft eingegraben. Beständig seinen Lauf verändernd, scheint er da oder dort zu versickern. Dann wieder hat er mit der Frühjahrsflut gewaltige Spuren hinterlassen.

Nach dem Abstieg steht der Wanderer unerwartet vor einer schmalen, auf hohen Pfeilern errichteten Hängebrücke über das breite Schotterbett und den kleinen Fluss. Vom Brückensteg aus sieht man noch eine zweite, gesperrte Brücke. Die aber ragt vom rechten Ufer aus ins Leere und erinnert an die berühmteste Brückenruine der Welt – den „Pont d’Avignon“.

Diese Wutach-Brücke ist der alte Rümmele-Steg, benannt nach dem Bahninspektor Karl Rümmele, der die Wutachschlucht gangbar machte und dabei auch diese Hängebrücke baute. Sie wurde nur an einer Seite im Felsen verankert, auf der anderen Seite aber frei auf einen Pfeiler aufgelegt. Als dieser Pfeiler, gleichzeitig der Treppenaufgang zur Brücke, vor einigen Jahren vom Hochwasser weggerissen wurde, verlor der Steg seinen Weg – blieb aber als Ingenieur-Denkmal erhalten. Der neue Rümmele-Steg ist nun an sicherer Stelle gebaut und an zwei Pylonen aufgehängt.

Hier lohnt eine Pause, bevor man das letzte Stück des Weges angeht. Nach einer kurzen Strecke durch den Wald links des Flusses quert der Weg wieder die Wutach – auf einer diesmal weniger spektakulären Brücke – und führt unter dem Felshang am Wasser entlang. Plötzlich ergießt sich direkt aus den Felsen ein Wasserschwall in den Fluss, ein zweiter folgt, ein dritter und vierter. Das hat eine simple Erklärung: Versickertes Wutach-Gewässer hat sich einen Lauf durch poröse Gesteinsschichten gesucht und tritt hier wieder aus.

Mit List und mit Macht hat sich der Fluss seinen Weg gebahnt. Ursprünglich entsprang er zwar auch schon am Feldberg, floss aber nach Osten zur Donau. Dann aber kerbte er sich so tief in den Schwarzwald hinein, dass er die Barriere zu einem nach Süden führenden Flusstal niederriss und dadurch abrupt seine Laufrichtung änderte – nämlich zum Rhein hin. In den mündet die Wutach jetzt bei Waldshut-Tiengen.

Übrigens, wer bei Bonndorf aus den Tiefen der Schlucht emporsteigt, landet direkt in der jüngeren Geschichte der Region. In den "Bonndorfer Narrenstuben" herrscht das ganze Jahr über "Fasnet". Über 350 Miniaturgestalten und Masken dieser schwäbisch-alemannischen Tradition wurden hier zusammengetragen.

In den Parkanlagen des Schlosses Bonndorf ist der japanische Garten das herausragende Schmuckstück. Ein dampfendes Juwel findet man etwas weiter westlich, im Museumsbahnhof in Blumberg. Die historische "Sauschwänzlebahn", die ihren Namen der geringelten Streckenführung verdankt, befördert noch immer Fahrgäste durch die schönsten Gegenden des Schwarzwaldes.

 

 

 

 

 

 

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