Mit dem Fahrrad
auf der Spur der gelben Steine durch die Baumberge westlich von Münster. Hier
gibt es Äcker und Wiesen, Pferde und
Schweine und weizenblonde Menschen, die hinter jedem zweiten Satz »Keäl« sagen
(Kerl), wenn sie nicht gerade Pumpernickel mit Mett essen. Vor allem gibt es
hier aber eins: Plattheit! Plattheit bis zum Horizont, bis Holland, bis zum
Meer. Doch was türmt sich gleich hinter Roxel? Berge! Die Baumberge. Eine
topografische Sensation.
Die Baumberger
Sandsteinroute zeigt die Höhe(n)punkte des
Münsterlandes von Ihrer schönsten Seite. Sie verläuft in den Baumbergen, dem
einzig nennenswerten Höhenzug im Münsterland und umfasst die Orte Havixbeck,
Billerbeck, Nottuln, Rosendahl und Coesfeld. Neben der reizvollen Landschaft
bietet die Route einen Einblick in die Kulturgeschichte der Region, die über
Jahrhunderte auch von dem hier abgebauten und verarbeiteten Baumberger Sandstein
geprägt wurde.
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Zu den
kulturgeschichtlichen Höhepunkten der Rad-Route zählen die mittelalterlichen
Burgen und Wasserschlösser des Münsterlandes, von denen allein in Havixbeck drei
imposante Beispiele zu entdecken sind: Haus Stapel, Haus Havixbeck und inmitten
gepflegter Parkanlagen die Wasserburg Hülshoff - Geburtsstätte der Dichterin
Anette von Droste-Hülshoff. Ein wahres Schmuckstück ist auch das auf einer Insel
gelegene Schloss Darfeld, das vom Jahr 1612 an im Renaissancestil errichtet
wurde. Während viele Wasserschlösser von ihren Besitzern noch bewohnt werden und
daher von Besuchern nicht besichtigt werden können, ist Hülshoff frei
zugänglich, kann man dort sogar einmal im Monat fürstlich Hochzeit feiern: Das
Wasserschloss ist eine Außenstelle des Standesamtes Havixbeck.
Direkt vor der
Haustür des Ruhrgebietes lassen sich die Hügel zwischen Havixbeck und Billerbeck
am besten mit dem Fahrrad erkunden. Dabei umfasst die große
Runde 166 Kilometer, die in 40-Kilometer-Teilstücken während einer Woche
Kurzurlaub gut zu bewältigen sind. Auf nur 30 Kilometer kommt die kleine
Sandsteinroute.
Startpunkt
einer Fahrradtour über die Sandsteinroute durch die Baumberge ist das
Sandsteinmuseum im Örtchen Havixbeck, nur ein paar Kilometer westlich von
Münster. Das Museum wurde in einem ehemaligen Bauernhof eingerichtet und befasst
sich nur mit einer einzigen Steinsorte — dem gelblich schimmernden,
weichen Kalkstein.
Roter Faden der
mehr als 250 Exponate umfassenden Sammlung sind die Berufe rund um die
Baumberger Sandsteine. Hier wird gezeigt wie die Steinmetze früher gearbeitet
und gelebt haben und welche Bedeutung der Sandstein für Kirchen, Schlösser und
Bauernhöfe im norddeutschen Raum hat. Während der Sommermonate werden auch
Künstler-Workshops für „Hobby-Steinmetze" angeboten. Bildhauer sehen
den Sandstein aus den Baumbergen als ideales Schnitzmaterial. Insgesamt können
auf der Sandsteinroute mehr als 200 Sandstein-Bauwerke zwischen Appelhülsen,
Nottuln, Coesfeld, Rosendahl und Billerbeck angesteuert werden:
Mühelos radelt man durch flache Wiesengründe, Bächlein links, Bächlein
rechts, manche stehen, manche rieseln. Dass sich in diesem platten Land Wasser
überhaupt bewegt, war lange Zeit ein Rätsel, bis amerikanische Forscher die
Erdrotation dafür verantwortlich machen konnten.
Man sitzt also auf seiner Leeze, wie das Fahrrad hier heißt. Folgt den
Leezewegweisern. Und landet auf einem Pättken. Ein Pättken ist alles zwischen
kleiner Asphaltstraße und Matschfurche, Hauptsache, keine Autos. Auf einem
Pättken fällt vom Radler sofort aller Stress ab. Die Gedanken werden leicht, die
Sinne wach, und plötzlich hört man Vögel: Zwitscherlerchen, Lärmhäher, ganze
Finkenbanden. Plötzlich steht man, von geifernden Hunden umringt, auf einem
Bauernhof vor einer weizenblonden Bäuerin. Zu viel geträumt. Wegweiser verfehlt.
Drei Kilometer retour.
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Auf einmal braucht man die Gangschaltung. Die Bäche beginnen zu rauschen.
Schweiß tritt auf die Stirn. Der Fuß der Baumberge ist erreicht. 187 Meter ragen
sie in die Höhe, eine Barriere, die bezwungen sein will. Der Volksmund macht den
Teufel für diese rätselhafte Gelände-Deformation verantwortlich. Vor Millionen
von Jahren soll das Münsterland nämlich ein See voller Seeigel gewesen sein, der
seltsamerweise in Spanien lag. Dann schob der Teufel an den Kontinenten herum
und verfrachtete das Stück Spanien nach Westfalen. Etwas zu stürmisch: Eine
Geländefalte entstand – die Baumberge. Erster Beweis für diese These: Manche
Menschen hier sind heute noch schwarzhaarig und glutäugig. Beweis zwei: Man
findet auf Äckern in Coesfeld (Kohsfeld! – nicht Zösfeld, wie durchreisende
Bayern sagen) versteinerte Seeigel en masse.
Selbst wer über 21 Gänge verfügt und sich mit »Quäl dich, du Sau!« (Udo Bölts
1997 zu Jan Ullrich) motiviert, gerät irgendwann an einen steilen Dreckweg, der
sogar für Pferde verboten ist, und muss schieben. Doch es lohnt sich. Auf dem
höchsten Gipfel der Baumberge steht neben zwei Windrädern und einem Telekom-Mast
der Longinusturm mit einem Café, das zumindest nachmittags geöffnet hat. Von
hier oben aus hat man eine einwandfreie Rundumsicht.
In schneller Schussfahrt geht es dann talwärts. Städtchen und Dörfer steuert
man an, die sich ums Bergmassiv gruppieren und deren Namen man kaum ohne Kichern
aussprechen kann: Billerbeck; Havixbeck; Nottuln gar (sprich: Noddln oder, wenn
man sich ganz und gar assimilieren will: Nddln). Diese Ort fallen durch große
Sauberkeit, ja Niedlichkeit auf und gelegentlich durch gelben Sandstein, aus dem
beachtliche Kirchen wie unauffällige Einfamilienhäuser errichtet wurden. Das ist
der »Gelbe Baumberger«, der dem Land einst zu bescheidenem Ruhm verhalf. Er
lässt sich fast wie Butter schneiden und wurde schon zu Zeiten der Hanse in alle
Welt verkauft. Über die »Sandsteinroute« radelt man nach Havixbeck, wo man das
Sandsteinmuseum mit Café nicht auslassen darf.
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Die »Perle der Baumberge« ist Billerbeck. Nicht wegen des Doms – ein
Beispiel, dass man es selbst mit der Gottesliebe übertreiben kann. Auch das
Gasthaus Homoet (sprich: Homuht) mit Putenschnitzel in Cornflakesmantel sowie
Bolten vom Fass – ältestes Altbier der Welt – legitimiert noch nicht den
Superlativ. Es ist das brachiale Kriegerehrenmal hinterm Dom, das eine
Billerbecker Initiative in winzigen, aber konsequenten Schritten in eine
»Kapelle der Friedfertigkeit« umwandelt. Schon steht dort neben den Namen der
Kriegshelden auch eine Tafel mit den Namen der ermordeten Billerbecker Juden.
Jeden Sonntag um 11.30 Uhr wird hier eine eigens komponierte Friedensmusik
gespielt.
Billerbeck ist auch ein guter Ort, sich von den Baumbergen zu verabschieden.
Eine einspurige »Baumberge-Bahn« mit Fahrradabteil.
Dann eine kurvenreiche Fahrt durchs wellige Baumberger Vorland. Im Herzen Sonne.
In den Waden Muskelkater. Winkende Bauern. Schwarzhaarig. Glutäugig.
Weitere Informationen:
Touristische
Arbeitsgemeinschaft Baumberge
Am Markt 8
48653 Coesfeld
Tel. 02541/939-1009
Fax 02541/99939-4009
info@baumberge.com
Iwww.baumberge.com
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