Das „neue
Ruhrgebiet“ wird lautstark proklamiert: Das Revier feiert “Auferstehung“, heißt
es. Der Pott kocht wie noch nie. Vom „Ruhr Drive“ ist die Rede, der triste
Städte in kulturelle Erlebniswelten verwandelt – Hightech statt Kohle und Eisen,
Dienstleistung statt Industrie, Grüngürtel statt Rauchschwaden, Freizeitpark
statt Maloche. Die wichtigsten Stationen dieser Metamorphose sind in einen
einzigartigen Fahrradrundkurs eingebettet: die „1000 Feuer-Route“.
Dortmund Hauptbahnhof ist der
Ausgangspunkt der Radtour: Vom neuen Ruhrgebiet ist hier nicht
viel zu erkennen. Man schaut auf die einfallslose Fassade des
Bahnhofs. Pläne, hier den größten, schönsten und teuersten
Bahnhof der Welt zu bauen und die Schienenstränge mit einem
gläsernen Ufo zu umhüllen, sind gescheitert. Doch kurz darauf
taucht es schon auf, das neue Ruhrgebiet.
Dortmund –
Castrop-Rauxel – Herne
Die Zeche
Zollern, immer noch Dortmund, ist der erste Höhepunkt der
Rundfahrt: Die Anlage war nach ihrer Errichtung vor 100 Jahren
ein Vorzeigeobjekt des deutschen Bergbaus; repräsentative
Architektur verband sich mit damals modernster Technik. Vom
„Schloss der Arbeit“ war die Rede, denn Anordnung der Gebäude
und Ausstattung haben feudalen Charakter.
Geschwungene
Linien, verspielte Details, kunstvoll geschmiedete Geländer,
eine Schaltwand aus Marmor und das farbig verglaste
Jugendstil-Portal der Maschinenhalle veredelten die industrielle
Zweckmäßigkeit. Inzwischen hat das Westfälische Industriemuseum
hier eine Ausstellung zur Sozial- und Kulturgeschichte des
Bergbaus eingerichtet
Auf der Schleife
durch den Nordosten des Potts – Castrop-Rauxel, Waltrop, Herne –
erlebt man exemplarisch den städtischen Wildwuchs, der das
Ruhrgebiet fast überall prägt. Um neu eröffnete Zechen herum
entstanden im 19. Jahrhundert Siedlungen auf der grünen Wiese.
Manchmal war auch ein alter Dorfkern im Wege, der dann von
Fördertürmen und Neubauten völlig eingeschnürt wurde.
Schienenstränge, Straßen, Wohngebiete und unzugängliche
Fabrikgelände wuchern durcheinander, Rhein-Herne-Kanal und
Dortmund-Ems-Kanal durchschneiden Stadt und Land.
Spätestens jetzt
wird klar, dass die „1000 Feuer-Route“ keine idyllische
Radelstrecke sein wird. Es gibt zwar längere Streckenabschnitte
abseits der Straßen durchs Grüne, an Flüssen oder Kanälen
entlang, doch oft genug fühlt man sich auf Abenteuerfahrt durch
eine Megalopolis.
Bochum –
Gelsenkirchen – Essen
Bochum und das
Deutsche Bergbaumuseum gehören wie Pech und Schwefel zusammen:
Schon 1930 gegründet, diente es lange Zeit der Glorifizierung
des Bergbaus: ein Stück Ruhrpott-Identität, denn in den
vergangenen fünfzig Jahren wurde wahrscheinlich jede
Grundschulklasse zwischen Dortmund und Oberhausen mindestens
einmal hier durchgeführt.
Verpflegung ist
entlang der „1000 Feuer-Route“ kein Problem. Wer nicht in den
Kneipen, die hier „Am Pütt“ oder „Eisenhütte“ heißen, einkehrt,
kann jederzeit an einer Bude anhalten, denn diese typischen
Kioske des Ruhrgebiets stehen buchstäblich an jeder Ecke.
Fünfzehntausend soll es im ganzen Revier geben.
In Essen
angekommen, führt kein Weg an der Zeche Zollverein vorbei, die
seit 2001 als Weltkulturerbe anerkannt ist. Der Förderturm der
alten Zeche ist ein unantastbares Wahrzeichen des Reviers,
erhalten bleiben auch die streng-harmonischen Fassaden der
Hauptgebäude – das Weimarer Bauhaus hat bis ins Ruhrgebiet
gewirkt.
Bottrop –
Oberhausen - Duisburg
Bottrop ist eine
der unauffälligen Städte im urbanen Durcheinander des Reviers.
Die „1000 Feuer-Route“ berührt hier vorwiegend die Facetten des
Alltags: Sie verläuft parallel zu Eisenbahndämmen, unterquert
Autobahnbrücken, kreuzt S-Bahnlinien und Pipelines, begleitet
eine Serie von Hochspannungsmasten, schlängelt sich durch wild
wachsende Wiesen und gepflegte Schrebergärten. In Bottrop könnte
man auch eine Studie über Wohnsiedlungen im Ruhrgebiet beginnen,
denn es gibt von allem etwas: Doppelhäuser, Reihenhäuser,
Eigenheime, Mietskasernen, triste Straßensiedlungen,
Bergarbeiterkolonien und die renovierte Gartenstadt Welheim.
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Oberhausen praktiziert den Strukturwandel radikal. Die Stadt hat
sich in den vergangenen zehn Jahren einfach eine „Neue Mitte“
zugelegt, obwohl das eigentliche Zentrum mit seinen amerikanisch
anmutenden Straßenzügen kaum mehr als 100 Jahre alt ist. Auf dem
Gelände der ehemaligen Gutehoffnungshütte wurde der 116 Meter
hohe Gasometer zu einer avantgardistischen Ausstellungshalle
umgebaut – ein weithin sichtbares Symbol des alten und des neuen
Ruhrgebiets.
Nächste Etappe
Landschaftspark Duisburg Nord: Die Anlagen des ehemaligen
Meidericher Hüttenwerks sind das überzeugendste Beispiel für die
Umwidmung brachliegender Industriearchitektur. Industrielle
Hüllen wie Abstichhallen, Erzlager, Kohlebunker,
Maschinenhäuser, Schornsteine, Kühltürme, Klärteiche und
Werkstätten werden hier einfallsreich mit neuen Inhalten
gefüllt. Farbige Illumination verwandelt die schwarzen
Industriekolosse nachts in eine gigantische Lichtskulptur. Ein
Tauchbecken im alten Gasometer, das Theater in der Gebläsehalle
und die Open Air-Bühne in der früheren Gießhalle sind
mustergültige Beispiele für die Umwandlung eines Fabrikgeländes
in ein Kultur- und Freizeitareal.
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Immer noch in
Duisburg führt uns die Radtour in den Innenhafen: Auf dem einst
abgeschotteten Hafengelände neben der Altstadt ist ebenfalls
eine „Neue Mitte“ im Aufbau, die sich derzeit allerdings noch
als industriell-postindustrielles Konglomerat darbietet: alte
Speicher, verfallene Fabrikgebäude, stillgelegte Kräne
einerseits, moderne Museen, ein jüdisches Gemeindezentrum,
renovierte Kontorhäuser und gehobene Gastronomie andererseits.
Gestaltete Vergangenheit und Gegenwart überlappen sich im Garten
der Erinnerungen: Grasflächen, Bäume und Büsche kontrastieren
und harmonieren mit baulichen Überresten des früheren
Hafenbetriebs; Erholung und Erinnerung bedingen sich in diesem
kleinen Park gegenseitig.
Mülheim –
Hattingen – Witten
Mülheim an der
Ruhr muss als ein Sonderfall im Revier angesehen werden: Es gibt
noch eine kleine Altstadt aus vorindustrieller Zeit mit
schiefergedeckten Fachwerkhäusern. Die Vororte waren ein
bevorzugtes Wohngebiet reicher Unternehmer aus Duisburg,
Oberhausen und Essen; ihre Villen stehen noch heute an beiden
Ruhrufern. „Aquarius“, ein ehemaliger Wasserturm direkt an der
Fahrradroute, wurde zu einem der schönsten Museen im Ruhrgebiet
umgebaut. Auf einem Gang durch vierzehn Stockwerke kann man das
Naturereignis Wasser aus unterschiedlichen Perspektiven
betrachten und erleben. Radfahrern wird eine Extra-Tour geboten:
Pedale halten einen Film in Bewegung, der eine einstündige Fahrt
durch das Ruhrtal von der Mündung bis zur Quelle dokumentiert.
Ab Mülheim wird
die „1000 Feuer-Route“ für viele Kilometer doch noch zu einem
typischen Flussradweg. Sie führt an der Ruhr entlang durch
Wiesen und Wälder, durch Mais- und Weizenfelder. Hin und wieder
tauchen schon einmal eine stillgelegte Fabrik oder ein
Förderturm auf, doch wirken sie in dieser beschaulichen Umgebung
völlig fehl am Platze.
Dann sind
Hattingen und die Henrichshütte in Sicht – ein einsamer eiserner
Koloss im oberen Ruhrtal. Das Westfälische Industriemuseum zeigt
im stillgelegten Hüttenwerk den „Weg des Eisens“ mit all seinen
technischen und sozialen Aspekten.
Zurück in
Dortmund
Schließlich
zurück in Dortmund – die Fahrräder sind abgegeben – lockt zum
Abschluss die jüngste Errungenschaft des Ruhrgebiets: das
Konzerthaus an der Brückstraße. Hier haben die Bauherren einmal
nicht auf bestehende Industriearchitektur zurückgegriffen. Der
Neubau aus Glas und schwarzem Beton wurde vollständig den
Notwendigkeiten einer optimalen Akustik unterworfen und ist
trotzdem von innen und außen ein architektonisches Meisterstück
geworden. Vor allem abends, wenn die durchsichtige Fassade durch
ein computergesteuertes Farbspiel erleuchtet wird, bekommt das
Gebäude eine verblüffende Leichtigkeit. Bereits wenige Monate
nach seiner Eröffnung zählt der Sitz der Philharmonie für
Westfalen wegen seiner ausgeklügelten Akustik zu den besten
Konzertsälen der Welt. Kein geringer Trost für die Stadt, die
vom schönsten Bahnhof der Welt nur kurze Zeit träumen durfte
1000 Feuer-Tour:
Die Schleife durchs Ruhrgebiet ist etwa 200 Kilometer lang.
RevierRad: An zehn günstig gelegenen Stationen zwischen
Dortmund und Duisburg werden Fahrräder verliehen, wobei Abholung und Rückgabe an
verschiedenen Orten erfolgen können. Details unter
www.revierrad.de.
Weitere Informationen:
Ruhrgebiet Tourismus
Königswall 21
44137 Dortmund
Tel. 0 18 05 / 18 16 20
Fax 02 31 / 1 81 61 88
www.ruhrgebiettouristik.de
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