Alle reden vom
Wetter, Winzer vorneweg. Meistens jammern sie darüber. Einmal
ist das Frühjahr zu nass, dann wiederum hätte die Sonne im
Sommer ruhig ein paar Tage länger scheinen können. Stimmen
Frühjahr und Sommer zufrieden, dann machen Regen und Hagel im
Herbst oft noch einen Strich durch die Rechnung. An den Winter
aber stellen Winzer die geringsten Erwartungen. Ein einziger Tag
mit klirrender Kälte reicht ihnen völlig. Der Großteil des
Jahrgangs reift da schon sicher im Keller. Die wenigen Trauben,
die dann noch an den Stöcken hängen, hat Väterchen Frost in
unansehnliche Eisklumpen verwandelt. Sie mögen nicht schön sein,
doch ihre wahre Schönheit offenbart sich ja auch erst hinterher.
Dann, wenn der daraus gewonnene Wein bernsteinfarben im Glase
schimmert, nach Honig, gelben Früchten und Karamell duftet und
im Mund sein elegantes Spiel aus Süße und Säure entfaltet.
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Dass Winzer einen
Teil ihrer Trauben nicht im Herbst lesen, sondern bis in den
Winter hinein hängen lassen, das gibt es weder in Frankreich
noch in Italien, Spanien oder Südamerika. Kanada produziert ihn
zwar und selbst die Volksrepublik China hat angekündigt, ihn in
einem Joint-Venture mit Kanada im großen Stil anbauen zu wollen.
Trotzdem - bei den Eisweinen haben Deutschland und Österreich
die Nase vorne. Was ursprünglich einmal eher zufällig entstand,
einfach weil man vergaß, alle Trauben zu lesen, hat in beiden
Weinbaunationen heute einen festen Platz. Mehr noch, beide haben
ihr internationales Renommee auch, ja sogar vor allem der
Süßweinspezialität zu verdanken.
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Sauternes,
Tokajer, Vino Santo, Malaga, Samos, Rancio, Marsala, Sherry,
Portwein und Madeira - die Liste internationaler Süßweine ist
lang. Eisweine sind zwar auch süß, unterscheiden sich aber in
einem Punkt ganz wesentlich: Ihnen wird nichts zugesetzt, weder
unvergorener Traubensaft noch Branntwein, wie das bei den so
genannten gespriteten Weinen wie beispielsweise Madeira und
Malaga praktiziert wird. Die Moste von Eisweinen enthalten von
Natur aus so viel Zucker, dass er bei der Gärung nicht
vollständig in Alkohol umgewandelt werden kann. Daher sind sie
im Unterschied zu den Spritweinen sehr leicht, meist unter zehn
Volumenprozent Alkohol.
Während die Franzosen mit künstlicher Kälte arbeiten, um ihre
Sauternes gehaltvoller zu machen, pflegt man hierzulande noch
immer handwerkliche Tradition. Künstliche
Konzentrierungsverfahren wie die Cryoextraktion, die weltweit
gängige Praxis ist, sind verboten. Das übernimmt bei deutschen
und österreichischen Eisweinen ganz Mutter Natur. Dafür verlangt
sie den Winzern aber auch einiges ab, etwa zu nachtschlafender
Zeit aufzustehen. Die frühen Morgenstunden, kurz vor
Sonnenaufgang, sind am besten geeignet. Ist das Thermometer auf
mindestens sieben Grad unter Null gefallen, werden die
Erntehelfer zusammengetrommelt und ziehen dick vermummt mit
Schal, Mütze und Anorak in den frostigen Weinberg. Die
Temperatur braucht es, damit die Trauben vollständig frieren und
gefroren gepresst werden können. Während der Pressung bleibt das
Wasser in Form der Eiskristalle zurück. Herauskommt ein mit
Extraktstoffen und Zucker hochkonzentrierter Traubenmost. Das
Mostgewicht, also der Zuckergehalt des Mosts, muss dem einer
Beerenauslese entsprechen. Nach dem österreichischen Weingesetz
sind das mindestens 25 Grad KMW (Klosterneuburger Mostwaage), in
Deutschland 110 Grad Oechsle.
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Bis die ersten
Tropfen fallen, kann die Anspannung für den Winzer quälend sein.
Sie beginnt schon bei der Entscheidung, ob er Trauben für einen
Eiswein hängen lässt oder nicht. Diese Entscheidung muss er im
Frühherbst treffen. Es ist zwar kein russisches Roulette, hat
aber doch etwas von einem Vabanquespiel. Oft ist die Lese erst
im Januar möglich und bis dahin kann vieles passieren. Wird es
noch einmal warm und feucht, können die Trauben faulen. Eiswein
braucht aber gesundes Lesegut. Viele Trauben werden von Vögeln
gefressen oder fallen vor der Lese zu Boden. Der Winzer hängt
von den Launen der Natur ab, ebenso wie bei den Beeren- und
Trockenbeerenauslesen. Hier sorgt der Botrytis-Schimmelpilz für
die Süße. Er befällt die Traubenhaut. Dabei entstehen winzige
Poren in der Beerenhaut, durch die das Wasser langsam verdunstet
und so die Inhaltsstoffe der Beeren konzentriert werden. Doch ob
der Pilz die Trauben befallen wird, das kann der Winzer nicht
beeinflussen.
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Auch der Preis
spielt in diesem Marktsegment eigentlich keine Rolle. Eisweine
sind keine Discounterweine. Sie haben nichts gemein mit der
lieblich ausgebauten Billigware vom Schlage einer
Liebfrauenmilch oder einer Erben-Spätlese, mit denen so mancher
sie heute noch in Verbindung bringt. Hier wird nicht um ein paar
Euro gefeilscht. Im Gegenteil: zu den Kunden gehören die
Spitzengastronomen, ausgesuchte Händler, Weinkenner und private
Sammler. In zehn oder zwanzig Jahren werden sie noch etwas davon
im Weinregal liegen haben - Eisweine sind auch nach hundert
Jahren noch trinkbar, denn der Zucker wirkt als natürliches
Konservierungsmittel. Es soll sogar Leute geben, die Eisweine
als Kapitalanlage betrachten und nie auf die Idee kämen, sie zu
trinken.
Aber solchem
genussfeindlichen Verhalten soll hier nicht das Wort geredet
werden. Menge und Preis sorgen schon dafür, dass man sie mit
Verstand und mit Muße genießt, statt sie einfach nur
Wegzutrinken. Eisweine sind keine Zechweine. Man sollte sie sich
gönnen, als Aperitif zum Auftakt einer festlichen Mahlzeit oder
als Dessertwein, um mit ihnen den Nachtisch abzurunden. Man
sollte beim Trinken an die fleißigen Erntehelfer denken, die das
trotz klirrender Kälte möglich gemacht haben. Man sollte dem
Winzer danken, der "es in dieser Nacht getan hat". Dann
schmecken die Topfenknödel, die Palatschinken, der
Kaiserschmarren oder Apfelstrudel, mit denen Eisweine aus
Österreich und Deutschland so hervorragend harmonieren, noch
verführerischer. Dann entfaltet aber auch das Stück Roquefort
oder das Baguette mit Gorgonzola bisher schier ungeahnte
Geschmacksdimensionen.
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