Perfekte Gläser
sind ein Muss für jeden ernsthaften Weinfreund. Doch wohin mit
dem Chambertin, wenn im Haushalt die üppigen Burgunderkelche
fehlen? Oder wo entfaltet sich der Chardonnay besser? Im engen
Weisswein- oder im Chianti-Glas?
Zur guten Weinkultur gehört auch
der richtige Umgang mit Wein. Um Gekeltertes zu genießen, müssen
Sie kein Weinkenner sein. Sie sollten allerdings darauf achten,
Wein aus dem passenden Glas zu trinken, denn nur so kann der
Wein sein Aroma richtig entfalten.
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Wein ist ein
besonderes Getränk. Um einen guten Tropfen richtig zu
degustieren, braucht es auch ein spezielles Trinkglas. Nur wenn
ein Spitzenwein in das passende Glas ausgeschenkt wird, können
sich die Duft- und Geschmacksstoffe voll entfalten. Das ist vor
allem dann wichtig, wenn Eigenschaften und Qualitäten des im
Altertum als Geschenk der Götter gepriesenen Naturprodukts mit
Auge, Nase und Gaumen geprüft werden sollen.
Wer darauf achtet, dass ein Wein ins richtige Glas ausgeschenkt
wird, muss keineswegs ein Wein-Snob sein. Das passende Glas hat
vielmehr eine praktische Bedeutung - etwa für das Abstimmen von
vergorenen Rebensäften auf die vorgesehenen Speisen. Glas ist
geschmacksneutral, relativ dünn und bringt den Wein in seiner
funkelnden Pracht besonders schön zur Geltung. Um einen Wein so
gut wie möglich betrachten, schmecken und trinken zu können, ist
das Glas am geeignetsten. Es hat sich als Weintrinkgefäss in den
vergangenen Jahrhunderten nicht zuletzt dank den Fortschritten
der Glasherstellung durchgesetzt. Nur weil die ursprünglich von
venezianischen Glasbläsern hergestellten Trinkgläser viel zu
teuer und zu zerbrechlich waren, wurde auch in Europa der Wein
noch lange Zeit aus Ton- und Keramikschalen, Horn-, Holz-,
Blech- und Zinnbechern sowie Steingutkrügen getrunken.
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Mit
tulpenförmigem Kelch
Der verbesserten Glasherstellung ist es auch zu verdanken, dass
in der Weinproduktion nachhaltige Fortschritte erzielt wurden,
konnte doch Qualität und Haltbarkeit der Weine erst mit der
Glasflasche und dem vollständigen Luftabschluss durch Korken
verbessert werden.
Das vollkommene Weinglas besitzt auf einem Stiel mit Fuss einen
Kelch, der sich oben verjüngt, damit möglichst viele
Geruchsstoffe im Glas bleiben. Ein gutes Degustationsglas ist
dünnwandig und tulpenförmig und fasst, zu einem Drittel gefüllt,
etwa einen halben Deziliter Wein. Wenn der Wein mehr bieten soll
als ein anderes alkoholisches Getränk, dann muss die
ausserordentliche Fülle an Düften wahrgenommen werden, die in
einem gefüllten Glas vorhanden ist. Da sich die Bukettstoffe
erst in Verbindung mit Luft voll entfalten können, sollte ein
Glaskelch groß genug sein.
Der Weg zum wahren Weingenuss führt zuerst übers Auge. Das
äußere Erscheinungsbild - wie Farbintensität und Klarheit -
lässt sich durch eine leichte Neigung des Glases gut beurteilen.
Dann wird am Glasrand die Luft in die Nasenlöcher eingezogen, um
die Duft- und Aromastoffe, die ein Wein abgibt, erkennen zu
können. Um all die vielfältigen Gerüche wahrnehmen zu können,
empfiehlt es sich, das Glas mit der Hand zuzudecken und hin und
her zu schwenken. Dafür ist ein dickwandiges Weinglas
ungeeignet. Um die Bukettstoffe zu ergründen, genügt es
schließlich, aus dem Glas einen kleinen Schluck zu sich zu
nehmen. Die Geschmacksnerven an Zunge und Mundhöhle reagieren
auf die Weinprobe, die beim Hinunterschlucken im Gaumen noch
sekundenlang einen Nachgeschmack hinterlässt.
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Das moderne
Weinglas
Echte Weinkenner wollen sich beim Degustieren nicht durch Gläser
mit kunstvoll eingeschliffenen Verzierungen aus Trauben- und
Rebblätter-Dekorationen stören lassen. Sie bevorzugen ein
schlichtes, dünnes Kristallglas mit einer idealen Form, wie sie
der aus einer alten böhmischen Glasdynastie stammende Claus
Georg Riedel entwickelt hat. Riedel fand heraus, dass es
zwischen Glasform und Glasqualität sowie dem Bukett und
Geschmack eines Weines einen engen Zusammenhang gibt. Da er
überzeugt war, dass die Geschmackswahrnehmung wesentlich davon
abhängt, ob sich die aromatischen Stoffe optimal entfalten
können, hat er für die verschiedenen Weine wie etwa für einen
ausgereiften roten Bordeaux oder einen Chianti Classico ein
spezielles Glas geschaffen. Mit dem Burgunderpokal, der seit
1960 im Museum of Modern Arts in New York steht, hat Riedel das
moderne Weinglas erfunden.
Zwar schwören Liebhaber von edlen Burgunderweinen noch immer auf
das große, bauchige Weinglas, das die Aroma- und Bukettstoffe
besser konzentrieren soll. Aber eigentlich braucht es für eine
Degustation keine verschieden großen Gläser. Allerdings sollten
die Trinkgefässe dem jeweiligen Anlass angepasst werden: Zu
einer schön gedeckten Tafel gehören nun einmal schöne Gläser. Es
müssen aber nicht teure, mundgeblasene Bleikristallgläser sein.
Dünnwandige Industriegläser wirken heute ebenso gediegen.
Trotzdem ist auch für ein besonders gastliches Haus kein grosses
Glassortiment erforderlich. Einzig für Süß- und Dessertweine
sind kleinere Gläser angebracht, weil es vernünftig ist, nur
kleinere Proben solch alkoholreicher Säfte zu degustieren.
Auch für den Weisswein braucht es eigentlich keine speziellen
Gläser. Weinkenner, wie etwa die Engländerin Jancis Robinsons,
finden es nicht richtig, einen Weissen wie etwa einen Chablis in
kleineren Gläsern zu servieren als den Rotwein, weil ein
Weisswein angeblich eher weniger Geschmacks- und
Geruchsempfindungen auszulösen vermag. Das bei uns immer noch
oft verwendete kleine Weißweinglas für einen Apéritif hat
einzig den Vorteil, den Alkoholkonsum besser kontrollieren zu
können.
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Das in den
Siebzigerjahren nach den Ratschlägen erfahrener Weindegustatoren
entworfene ISO-Glas (International Organization for
Standardization) dient dem Zweck am besten, die Vorzüge eines
edlen vergorenen Rebensaftes voll zur Geltung zu bringen. Es ist
heute als industriell gefertigtes Glas in verschiedensten
Versionen erhältlich. Aber auch klassisch geformte Weingläser
auf hohem, attraktiv langen Stiel, die meistens aus Tschechien
stammen, sind sehr beliebt.
Ein Glas mit längerem Kelch wird für spanische Sherry- und
portugiesische Port-Weine empfohlen. Eine vom Grundmuster
abweichende Glasform besitzt auch das Sekt- oder Champagnerglas,
das als «Flûte» bekannt ist. Das hohe, schlanke Glas lässt die
Kohlensäure nur allmählich entweichen, bietet einen festlichen
Anblick und erlaubt es, das Perlen eines Schaumweins besonders
gut beobachten zu können. Auch die altmodische Sektschale mit
dem offenen Kelch, der angeblich dem Busen der Königin
Marie-Antoinette nachgeformt wurde, ist noch immer im Gebrauch.
Diese Glasform bewirkt, dass die Kohlensäure, die bei einigen
Konsumenten ein unangenehmes Prickeln in der Nase verursacht,
besser entweichen kann.
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Sorgfältig
pflegen
Ein Weinglas ist nur schön und zweckmäßig, wenn es makellos
rein ist. Gläser haben den Nachteil, dass Schmutzspuren
besonders unangenehm auffallen. Außerdem bekommen sie leicht
Sprünge, wenn man sie nicht sorgfältig behandelt. Gläser müssen
deshalb besonders gut gepflegt und gereinigt werden. Sie sollten
auch aufrecht stehend - auf dem Fuß und nicht, wie oft noch zu
beobachten ist, auf dem Kelchrand - an einem staub- und
geruchfreien Ort abgestellt werden.
Beim Weinprüfen ist es wichtig, dass ein Weinglas nach nichts
riecht. Nichts ist bei Weindegustationen so störend, wie wenn
die Gläser Spülmittelreste aufweisen. Solche können eine seriöse
Prüfung durch Nase, Mund und Gaumen gar verunmöglichen. Bei
Gläsern sind Reinigungsmittel deshalb besonders sparsam zu
verwenden. Weinkenner sagen, dass die Gläser nie mit Spülmittel
abgewaschen werden sollten, da Geschmack und Geruch des
Spülmittels am Glas haften bleiben, auch wenn sie hinterher mit
heißem Wasser abgespült werden. Für den Normalverbraucher klingt
das vielleicht etwas übertrieben, aber wenn Sie Weinkenner als
Freunde haben und ihnen wirklich kostbare Weine anbieten,
sollten Sie es vielleicht beherzigen. In jedem Fall ist ein Glas
aber besonders gründlich mit einem speziell sauberen
Geschirrtuch zu polieren.
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Nicht nur das
Glas...
Letztendlich sollte aus der Gläserwahl aber kein Dogma gemacht
werden. Wer die Weinkunde zu seinem geliebten Hobby gemacht hat,
der weiß, dass es nicht nur auf das richtige Trinkglas ankommt,
um einen Wein genießen zu können. Der rechte Ort und der rechte
Zeitpunkt spielt eine ebenso wichtige Rolle. So vermag ein
Savigny-les-Beaune sein subtiles Bukett bei einem Picknick im
sonnigen Süden unter blauem Himmel ebenso angenehm zu entfalten,
wenn er nicht in einem eleganten Kelchglas mit dünnem Stiel,
sondern nur in einem der rustikalen Bechergläser ausgeschenkt
wird, wie sie beispielsweise in italienischen Gaststätten ab und
zu noch üblich sind.
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