"Die Kartoffel ist für den gemeinen Mann unentbehrlich wie das Brot, für den
Gastrosophen wertvoll wie das Getreide, und für den Feinschmecker erfreulich wie
das Bisquit." 1894, als Rudolf Habs diese Zeilen für sein "Appetitlexikon"
schrieb, verzeichnete Katharina Prato in ihrem "Süddeutschen Kochbuch" weit über
hundert Erdäpfelrezepte, ihr Kollege und Hofkoch der Königin Olga von
Württemberg, Rudolf Zäch, mindestens ebenso viele für Kartoffeln in seiner
"Neuzeitlichen Küche" von 1887.
Die heutigen Speisekarten hingegen demonstrieren eine erschreckende
Fantasielosigkeit bezüglich der Zubereitung dieses köstlichen
Nachschattengewächses. Meist stehen nur Bratkartoffeln oder Fritten zur Wahl,
seltener finden sich Petersielkartoffeln, Kroketten oder Folienkartoffeln auf
den Speisekarten. Das lecker-locker-luftige Erdäpfelpüree ist von den heimischen
Speisekarten fast völlig verschwunden. Was ist aus Erdäpfelkrapfen,
Kartoffelpuffern, Erdäpfelnudeln und Erdbirnkraut geworden?
Kaum ein anderes
Grundnahrungsmittel ist so weit verbreitet, nahrhaft und gesund, und lässt sich
auf hunderterlei Arten als Beilage, Hauptgericht oder Dessert zubereiten. Dennoch wird dieses
Naturprodukt sowohl in den Restaurants als auch in privaten Haushalten behandelt
wie die arme Verwandtschaft. Die stiefmütterliche Behandlung der Knollenfrucht
erwächst oft einfach aus technischen Problemen. Viele wissen gar nicht mehr, wie
man Kartoffeln kocht. Deshalb wird seitens der Produzenten erwogen, auf den
Verpackungen für die großen Supermarktketten die möglichen Zubereitungsarten in
Piktogrammen, also einer Art Koch-Comic für kulinarische Analphabeten,
darzustellen. Ist dies das Ende der Karriere dieser Knolle, welche vor gut
dreihundert Jahren Zigtausenden von Menschen das Leben gerettet und ihren
Siegeszug durch die europäischen Kochtöpfe angetreten hat? Natürlich ist es für
die gehetzte Hausfrau mit knappem Zeitbudget einfacher, Nudeln acht Minuten lang
zu kochen oder einen Kochbeutel mit Reis ins wallende Wasser zu werfen, als eine
Bodenfrucht zu waschen, zu schälen und mehr oder weniger raffiniert zu garen.
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Auch die Gastronomie arbeitet mittlerweile vorwiegend mit halbfertigen bzw.
Convenience-Produkten. Wegen der Zeitersparnis, versteht sich. Wenn überhaupt
"echte" Kartoffeln verwendet werden, so greift man fast nie zu Bio-Ware,
vielmehr zu industriellen Erzeugnissen, weil diese entscheidend billiger sind.
So kommt es zu der absurden Situation, dass selbst Spitzenköche bei hochwertigem
Fleisch doppelten Wareneinsatz in Kauf nehmen, aber daneben billige
Lagerhaus-Kartoffeln auf dem Teller drapieren, welche auch der dekorative
Rosmarin-Zweig nicht mehr zu der Delikatesse machen kann, welche sie eigentlich
sein könnten.
Die Kartoffel umgibt noch immer der Nimbus einer billigen Sättigungsbeilage,
wenn nicht gar der des Mastfutters für Schweine. Deshalb werden ihr sehr selten
höhere kulinarische Ehren zuteil. Wie schade das ist, weiß jeder, der einmal
Folien-Kartoffeln mit Kaviar und Rahm oder einen simplen Erdäpfelsalat mit
Trüffel verkostet hat.
Die Geschichte der Vorurteile gegen die Kartoffel ist so alt wie deren
Anwesenheit auf dem europäischen Kontinent. Die Frucht, schon lange vor der
Herrschaft der Inka unter dem Namen "Papa" in Südamerika angebaut, kam im 16.
Jahrhundert in die "Alte Welt". Für die Indianer war sie ein
Grundnahrungsmittel, aber auch Basis für Bier und Schnaps. In Europa wurde sie
zunächst als dekorative Gartenpflanze gezüchtet, und erstmals 1601 vom Wiener
Botaniker Carolus Clusius ausführlich beschrieben. Die Gerüchte über ihre
Schädlichkeit fanden kein Ende. Sogar von Todesfällen wurde berichtet, welche
aber nicht auf den Verzehr der Knolle, sondern der oberirdischen Blüten und
Beeren zurückzuführen waren. Noch der hochgebildete Goethe warnte vor dem
"unseligen Kartoffelgenuss", während in Italien selbiges Produkt bereits auf den
fürstlichen Tafeln kredenzt wurde und den Namen "tartuffolo" - also: "große
Trüffel" - erhielt, woraus sich seine deutsche Bezeichnung herleitet.
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Es bedurfte einer Katastrophe, um der Kartoffel zum Siegeszug zu verhelfen:
Bedingt durch Kriege und Missernten wurde in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts in Europa das Getreide knapp. Friedrich der Große war einer der
Knollen-Pioniere. Er aß demonstrativ und öffentlich die geschmähte Frucht,
förderte ihren Anbau, ließ Saatkartoffeln an die Bauern verteilen, legte
Mustergüter an - die Erdäpfelfelder waren damals militärisch bewacht! - und
linderte so die akute Hungersnot. Später kam diese Frucht wieder in den Geruch
des "Arme-Leute-Essens", vor allem während und nach den Weltkriegen. Mit
zunehmendem Wohlstand verkehrte sich das Verhältnis zwischen Fleisch und Beilage
- eine Entwicklung, die gar nicht so gesund ist, wie man früher glaubte. In der
Folge ging der Kartoffelanbau zurück, während sich der Fleisch-Konsum erhöhte.
Es gibt, so schätzt man, weltweit an die tausend Kartoffelsorten. Darunter finden sich viele, welche nur zur Art-Erhaltung gezüchtet
werden. Andere dienen ausschließlich der Stärke-Produktion. Bei den
Speise-Kartoffeln unterscheidet man die Liebhabersorten, in kleinen Mengen
angebaut, die oft nur regional bekannt sind, dann Erdäpfel zur industriellen
Produktion von Lebens- und Genussmitteln, wie etwa Chips und Crackers, und
schließlich Frische-Produkte, die als Speise-Kartoffeln auf den heimischen Markt
kommen.
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Die vielen unterschiedlichen
Kartoffelsorten werden fast immer liebevoll mit weiblichen Namen belegt. So ist die Clivia eine
Kartoffel mit tiefgelbem Fleisch und kräftigem Geschmack. Sieglinde hingegen ist
gelb im Fleisch und hat einen milden Geschmack. Desiree hat ein gelbliches,
leicht mehliges Fruchtfleisch. Grob zur Orientierung unterscheidet man die
Sorten in festkochende, vorwiegend festkochende und mehlig kochende Kartoffeln.
Festkochende Kartoffeln nimmt man für Kartoffelsalat, Bratkartoffeln,
Kartoffelpuffer oder Röstis. Für Salzkartoffeln, Pellkartoffeln oder Gratins
wählt man die vorwiegend festkochenden Sorten. Aus mehlig kochenden Kartoffeln
kann man Suppen, Eintöpfe, Kartoffelpüree, Kartoffelkroketten oder Klöße kochen.
Ein weiteres Kriterium für den Geschmack der
Kartoffeln ist ihre Reifezeit. Speisefrühkartoffeln (ab Anfang Juni bis 10.
August) haben eine zarte Schale und schmecken fein und frisch. Kartoffeln, die
nach dem 10. August geerntet werden, dürfen nicht mehr Frühkartoffeln genannt
werden, es sind dann mittelfrühe Sorten. Die mittelspäten bis sehr späten Sorten
werden ab Mitte September bis Ende Oktober geerntet und eignen sich zur
Einkellerung.
Die Kartoffel ist ein sensibles Produkt. Diverse Krankheiten und schädliche
Umwelteinflüsse vermögen ihr zuzusetzen oder gar ganze Ernten zu vernichten. Man
denke nur an den legendären Kartoffelkäfer, der aber in unseren Breitegraden
schon seit langem ausgerottet ist.
Deshalb ist auch ständige Forschung vonnöten. Von öffentlichen und privaten
Einrichtungen werden in langfristigen Versuchen Leistungs-, Krankheits- und
Lagerverhalten der jeweiligen Sorten untersucht, ihr Speisewert und Kochtyp
analysiert.
Bei Erdäpfeln kann man getrost davon ausgehen, dass sie zu den wenigen
Lebensmitteln zählen, die (zumindest derzeit noch) absolut Gentechnik-frei
produziert werden. Darüber hinaus handelt es sich um ein gesundes Produkt. Reich
an Vitamin C, hat es weniger Kalorien als etwa Nudeln. Dass Kartoffeln dick
machen, ist ein Gerücht. Der Fettanteil beträgt lediglich 0,15 Prozent; dafür
aber ist die Knolle reich an Mineralstoffen wie Kalzium, Jod, Magnesium, Eisen
und sonstigen Spurenelementen. Ein Kilo Speisekartoffeln hat, je nach Art der
Zubereitung, nur 700 bis 800 Kalorien.
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Dickmacher sind nur Chips (500 Kcal pro
100 Gramm) oder Pommes (250 Kcal pro 100 Gramm). Das liegt aber nicht an der
Frucht selbst, sondern am Fett, in dem diese ersäuft worden ist. Am gesündesten,
nährstoffreichsten ist der Erdapfel bei schonender Zubereitung, also in der
Schale gedämpft, gekocht oder im Rohr gebraten. Und er ernährt nicht nur den
Konsumenten, sondern auch viele Bäuerinnen und Bauern, die dieses
Nachtschattengewächs anbauen. Nicht nur, damit wir satt werden, sondern auch,
damit wir uns an Gratins, Nocken, Gnocchi, Pürees, Salaten und Erdäpfelkas
delektieren können.
Es ist quasi eine patriotisch-kulinarische Pflicht, dieses köstliche Produkt
zu würdigen und zu verhindern, dass es mehrheitlich zu parfümierten Crackers
oder fetttriefenden Pommes verarbeitet wird. Dafür ist es zu schade. Auch sind
wir dem Erdapfel zu moralischem Dank verpflichtet, hat er doch unsere
Altvorderen über Jahrhunderte hinweg, in Zeiten der Missernten und während der
Kriege und Wirtschaftskrisen, redlich ernährt. Es gibt also viele gute Gründe,
weshalb die Kartoffel seinerzeit einen Kosenamen hatte, nämlich den "Marzipan
des kleinen Mannes".
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