Die noch in den
vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts bestehende Frankfurter
Wirtschaft Metzgerhöfchen rühmte sich, zwar stets frische, aber
gleichzeitig doch die ältesten Frankfurter Würstchen der Welt zu
servieren. Bereits im Jahr 1280 sollen hier die ersten
Frankfurter serviert worden sein. Und ein Wandspruch in der
Wirtsstube erinnerte auch daran, dass die Würstchen schon damals
mit den Fingern und keineswegs mit dem Besteck gegessen wurden:
"Zum Würstchen braucht man hier kein Messer, / Es schmeckt doch
aus der Hand viel besser."
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Kein Zweifel:
Frankfurt ist nicht nur die Heimatstadt der "Worschtsuppe" und
des leidenschaftlichen Wurstessers Johann Wolfgang von Goethe,
sondern auch jene der heißen Würstchen, die heute zwischen New
York und Hongkong jedem Taxifahrer ein Begriff sind.
Allein: Die klassischen Frankfurter Würstchen haben - und da
wird's kompliziert - mit dem, was man heute darunter versteht,
nichts gemein. Im Gegenteil: Jahrhundertelang hat man sie nicht
aus dem Kessel gefischt, sondern in heißem Öl gebrutzelt.
Frankfurter waren Bratwürste und keineswegs Siedewürste wie
heute. "Spritzspratz", wie Walter E. Richtartz schrieb, wälzten
sich schon im Mittelalter "in der braunfettschwimmenden
Bratenreine. Wann aber ist die Frankfurter Bratwurst zur
Siedewurst geworden? In ihrem 1845 erschienenen grundlegenden
deutschen Kochbuch zieht sich auch Henriette Davidis mit einem
Rezept aus der Affäre, das wenig Genaues verrät: "Durchwachsenes
Schweinefleisch, ohne Sehnen, auch etwas Fett wird fein gehackt,
mit Salz, Muskatblüte, Koriander, wenig Pfeffer und etwas rotem
Wein gewürzt und in Schweinsdärme gefüllt. Frisch ist diese
Wurst am feinsten, doch auch leicht geräuchert sehr gut. Man
hängt sie in der Luft auf." Waren Beurlamms und Stoltzes
Frankfurter noch ganz eindeutig Bratwürste, so könnte die Wurst
der Frau Davidis freilich bereits eine der ersten Siedewürste
gewesen sein, die mittlerweile weltweit (außer in Wien, wo sie
Frankfurter heißen) Wiener genannt werden. Wäre die ganze Sache
allerdings so einfach, dass man Frankfurter Würstchen als
Bratwürste und Wiener Würstchen als Siedewürstchen definieren
könnte, so wäre die Wurstgeschichte um ein umfangreiches Kapitel
kürzer und die Fast-Food- Geschichte um ein gutes Stück
übersichtlicher.
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Der Umstand, dass
irgendwo im Frankfurter Fleischquartier um 1850 eine Siedewurst
erfunden und 1852 von der Metzgerinnung auch als solche
bestätigt wurde, macht die Sache freilich wesentlich
komplizierter. Sogar an die alten Lupercalien wurde mit dieser
Erfindung - wenngleich wohl unbewusst - angeknüpft. Erstmals seit
der Antike fand sich die Wurst nämlich wieder mit einer
Hunderasse verknüpft. Weil die neuen, gewürzten und geräucherten
Siedewürste nämlich eine leicht gekrümmte Form aufwiesen, die
ihren Erfinder an den Metzgerdackel erinnerte, forderte dieser,
eine gute Frankfurter Wurst müsse so krumm wie der Rücken seines
Dackels sein.
Sie wurde deshalb
auch lange, bevor in den USA die Bezeichnung Dachshound
Frankforter und in deren Gefolge der Name Hot Dog populär wurde,
auch Dackelwurst genannt. Wann genau sich die Metamorphose von
der Brat- zur Siedewurst vollzog, läßt sich indessen nur
insofern mutmaßen, als dies irgendwann zwischen den vierziger
und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gewesen sein muss.
Das Universallexikon der Kochkunst aus dem Jahr 1893 entzog sich
der Debatte jedenfalls auf diplomatische Weise, indem es unter
"Frankfurter" eine Wurst aus Schweinefleisch beschrieb, die man
"brät oder kocht". Damit die wurstige Angelegenheit jedoch noch
etwas komplizierter werden konnte, kam in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts in Frankfurt noch ein weiterer Wursttyp auf:
die Frankfurter "Rindsworscht" die in den USA bis heute als
"All-Beef Frankforter" bekannt ist.
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Die Geschichte
der "Rindsworscht" ist gottlob etwas genauer dokumentiert als
jene der schweinernen Frankfurter. Und da die Fleischer im
Frankfurter "Worschtquardier" streng nach den Tieren, die sie
verarbeiteten, in Schweine-, Rinds-, Ochsen-, Kalbs-,
Hammelmetzger getrennt waren, läßt sich der Aufstieg der
Rindswurst in den Frankfurter Wursthimmel relativ genau
zurückverfolgen. Auch ihre Wurzeln reichen, historisch
allerdings nicht genau belegt, ins frühe 19. Jahrhundert zurück,
ihr Siegeszug begann indessen erst 1894, als der Frankfurter
Metzgermeister Karl Gref die Tochter eines Kolonialwarenhändlers
namens Wilhelmine Völsing heiratete und mit ihr gemeinsam im
Haus "Zum Goldenen Kalb" unter dem Namen Gref-Völsing eine
Metzgerei eröffnete. Auf der Suche nach Innovationen, die dem
jungen Glück auch eine langfristige ökonomische Absicherung
bescheren konnten, entdeckte man im überbelegten Frankfurter
Metzgersegment eine Marktnische - nämlich die damals noch
zahlenmäßig stark vertretenen Frankfurter Juden. Da die
Frankfurter Siedewürstchen aus Schweinefleisch bereits zu einer
gewissen Berühmtheit gelangt waren, aber von Frankfurtern
mosaischen Bekenntnisses aufgrund religiöser Vorschriften nicht
verzehrt werden durften, lag die Kreation einer koscheren
Variante aus purem Rindfleisch auf der Hand.
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Die Rindswürste
werden, im Gegensatz zu den schweinernen Frankfurtern, nicht mit
einer Schnur, sondern mit einem ringförmigen Aluminiumdraht
abgedreht und schienen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren
aufgrund der knappen Versorgungslage bereits der Vergessenheit
anheimgefallen zu sein. Seit 1948 werden sie jedoch als im
wahrsten Sinne des Wortes "autochthone" Frankfurter Spezialität
wieder hergestellt. Klassisch ist dabei das heute noch im Laden
von Gref-Völsing servierte "Kleine Menü", das aus einer
Frankfurter Rindswurst, einem Brötchen und einer Tasse heißer
Brühe besteht.
Soweit so "frankforterisch".
Doch wie kam diese eindeutig der Mainmetropole zuzuweisende
Wurstspezialität - ob sie nun gebraten, gesotten, aus Schweine-
oder aus Rindfleisch gewesen sein mag - in aller Welt zum Namen
Wiener? Um die Geschichte der Entstehung dieses "Adoptivnamens"
der Frankfurter Siedewurst zu ergründen, muss man lediglich den
Schauplatz wechseln und kurzfristig in jene Stadt übersiedeln,
die allein schon durch die Bezeichnung ihres Vergnügungsviertels
als "Wurstelprater" und der berühmten Hanswurstbühne des Herrn
Joseph Anton Stranitzky (1676 bis 1727) ein besonders enges
Verhältnis zur Wurst aufweist.
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Bis heute kann
man an den meisten Würstelständen unter den Stadtbahnbögen
entlang der Gürtelstraße noch um 4 oder 5 Uhr früh zwischen
Burenwurst, Debreziner, Bosner, Klobasser, Krainer, Leberkäse
und Frankfurter wählen. Lediglich Wiener Würstel wird man hier
vergeblich verlangen und allenfalls ein staunendes Kopfschütteln
der Würstelfrau ernten. Doch begeben wir uns von den finsteren
Stadtbahnbögen lieber in jene hellen kaiserlichen Gemächer der
Wiener Hofburg, in die sich Kaiser Franz Joseph Tag für Tag sein
Gabelfrühstück bringen ließ. Es bestand aus einem Paar heißen
Würstchen, die ein Diener vom benachbarten Michaeler Bierhaus
abholte. Das allein hätte für unseren Belang jedoch keine
weitere Bedeutung, wäre der Erzeuger der Wurst nicht jene Firma
Lahner gewesen, die in einer kleinen Metzgerei an der Ecke von
Neustiftgasse und Kaiserstraße im siebten Wiener Gemeindebezirk
jene Würstchen herstellte, die als "Wiener" die Welt erobern
sollten.
Die Pikanterie
dabei ist, dass Johann Georg Lahner, der Gründer der Wiener
Fleischhauerei, ein gebürtiger Frankfurter war. Er hatte gegen
Ende des 18. Jahrhunderts im Frankfurter "Worschtquardier" das
Metzgerhandwerk erlernt, bevor es ihn "auf der Walz" in die
Donaumetropole verschlug. Dort arbeitete er zunächst als
sogenannter "Aufhackknecht", bevor er im Schottenfeld (der
späteren Neustiftgasse) eine eigene Selcherei gründete und sich
den Umstand zunutze machte, daß die Wiener Fleischhauer nicht
wie die Frankfurter Metzger nur jeweils eine Tiersorte
verarbeiten durften. 1805 lieferte er erstmals eine Wurst aus,
die alle Vorzüge einer Schweins- und einer Rindswurst in einer
Schafsaitlinghülle vereinigte und nannte sie kurzerhand Wiener
Frankfurter. Als Lahner am 23. April 1845 starb, hatte sich
seine Wurstkreation bereits in ganz Wien durchgesetzt.
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Rund 100 Jahre
nach der Erfindung der Wiener Frankfurter Würstel ersann Leopold
Lahner, ein Urenkel des Firmengründers und nebenbei auch
Hammerwerfer und Kugelstoßer bei der Athener Olympiade 1906,
eine neuerliche Wurstinnovation: Die "Würstel im Schlafrock"
waren ein "Wiener Frankfurter"- Einspänner in einer
Brotteighülle, die dem, was später einmal ein Hot Dog werden
sollte, schon damals zum Verwechseln ähnlich sahen. Ein naher
Verwandter der Lahnerschen Wiener Frankfurter hat übrigens in
Wien den Beweis erbracht, dass Würstchen sich keineswegs nur für
Würstelstände und Schnellgastronomie eignen. In Paaren zu je 180
Gramm abgedreht, werden die Frankfurter nämlich heute noch unter
dem Namen Sacher-Würstel als klassische Spezialität des
gleichnamigen Fünfsternehotels hinter der Staatsoper serviert.
Auch das ist freilich nur eine von unzähligen Metamorphosen, die
letztlich allesamt dem Frankfurter "Worschtquardier" seligen
Angedenkens zu verdanken sind.
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