In vielen Haushalten und Kantinen ist freitags Fischtag.
Lachsauflauf, Forelle Müllerin oder Nordseescholle sind nur
einige der beliebten Gerichte. Auch in den Fischtheken der
Kaufhäuser und Marktstände ist die Auswahl an
Meeresspezialitäten groß. Ob Schwertfische, Seezungen oder
Tunfisch, Feinschmecker finden, was ihnen beliebt. Das war nicht
immer so.
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Für den
frühzeitlichen Menschen spielte die Fischerei eine ebenso
wichtige Rolle wie die Jagd und das Sammeln von Pflanzen.
Nachhaltigkeit in der Nahrungsbeschaffung war kein ökologisches
Postulat, sondern materialbedingte Realität. Mit der Entwicklung
von Booten und Gerätschaften erschlossen sich fernere
Fanggründe, wurden die Fischzüge ergiebiger. Die archaischen
Konservierungsmethoden Trocknen, Räuchern und Salzen machten das
leicht verderbliche Lebensmittel lagerbar und transportfähig.
Schon die Wikinger trieben regen Fischhandel. Sie stießen von
Island über Grönland bis Neufundland vor, richteten dort
Trockenplätze für den üppigen Kabeljaufang ein. Auch die Basken,
diese begnadeten Schiffsbauer, drängte es in die Ferne. Erst
hatten sie den Wal in dessen Winterquartier am Golf von Biskaya
gejagt. Sein Fleisch war gängige Nahrung, die Walzunge galt als
Delikatesse. Doch noch im frühen Mittelalter fuhren sie hinauf
zu den Färöer-Inseln und machten sich auf die Fährte des
Kabeljaus. Sein weißes, fettarmes Fleisch war auch im
Mittelmeerraum gefragt. Man salzte ihn, trocknete ihn an der
Luft "stocksteif". Die Basken beherrschten den Stockfischmarkt
lange Zeit.
Nach der
Entdeckung Amerikas setzte ein wahrer Run auf die Grand Banks
vor Island und Labrador ein. Franzosen, Engländer, Skandinavier
und Portugiesen wetteiferten um die scheinbar unerschöpflichen
Kabeljaugründe des Nordatlantiks. An den großen Profit, der mit
diesem Gut zu machen war, erinnert die Redensart "Lo que corta
el bacalao" (der mit dem Stockfisch handelt); sie bezeichnet
sinngemäß den, der das Sagen hat. Auch die Siedler von
Neuengland verstanden sich auf das Geschäft mit dem Kabeljau.
In Europa
tauschten sie ihn gegen Salz und Wein, auf den Westindischen
Inseln gegen Gewürze oder Tabak, und in Westafrika gegen
Sklaven. In England machte Kabeljau als Bratfisch Karriere: anno
1925 boten schon 25.000 Verkaufsstände Fish-and-Chips an, das
beliebte Fastfood der Arbeiter.
Islands
Fischgründe wurden stets von fremden Fangflotten bedrängt. Erst
im 20. Jahrhundert begannen die Isländer selbst Kabeljau zu
exportieren. Dazu dessen Lebertran, der als Medizin gegen
Tuberkulose und diverse Mangelkrankheiten galt; die Briten
verordneten ihn als Kriegsnahrung. Lebertran mag scheußlich
schmecken, doch wirklich herb wird die Sache erst mit dem "Hákarl",
einer alten isländischen Spezialität. Kein Gericht für schwache
Nerven, denn es handelt sich um das Fleisch eines mächtigen
Grönlandwals, das tödliche Zyanidsäure enthält. Es wird erst
genießbar, nachdem es, in Erde vergraben, wochenlang vor sich
hingefault ist.
Inselvölker
scheinen giftigen Fischen einen besonderen Reiz abzugewinnen.
Was uns ein wenig an Russisches Roulette gemahnt, hat in jenen
Kulturen geradezu kultischen Charakter, gilt bisweilen als
Ausweis kulinarischer Meisterschaft. Man denke nur an das Reich
der aufgehenden Sonne und dessen Freude am rohen Fisch. Ein
Küchenchef, der imstande ist, den giftigen Kugelfisch genießbar
zu machen, genießt höchstes Ansehen.
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Zurück zu den
Massenfischen: auch der Hering machte Geschichte. An der Nord-
und Ostsee war er seit der Frühzeit ein Grundnahrungsmittel, auf
den Märkten seit dem Mittelalter präsent. Dies nicht zuletzt
wegen der 150 katholischen Fastentage zu jener Zeit. Der an
Eiweiß, Fett und Vitamin A reiche Fisch wurde zum billigen,
nahrhaften Fleischersatz für die Armen. Die Reichen aßen ihn nur
frisch. Das "Silber der Meere" kam in solchen Schwärmen vor,
dass man es mit Schaufeln abschöpfen konnte. Blieben die
Heringschwärme einmal aus, hatte der Volksglaube eine Erklärung:
er deutete dies als Gottes Strafe für den zügellosen
Lebenswandel der Küstenbewohner.
Ab dem 14.
Jahrhundert ging man dazu über, die Fische vor dem Einsalzen zu
entweiden. Das verlängerte ihre Haltbarkeit. Noch im
Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre stand das Fass mit
Salzheringen in jedem Kaufmannsladen. Das französische
Sprichwort "La caque sent toujours le hareng" (das Fass riecht
immer nach Hering), meint jenen (sozialen) Stallgeruch, der an
einem haften bleibt.
In Schweden ersann man eine besondere Art von Pökelhering, den "surströmming".
Man stellt ihn nur aus Heringen her, die im Frühjahr vor der
Laichzeit gefangen werden. Ohne Kopf und Eingeweide, aber mit
dem Rogen, fermentieren sie in schwacher Salzlake, ehe sie im
Hochsommer verkauft werden. Heute packt man sie im Juli in
Konservendosen, welche bis zum Verzehr im September merklich
ausbeulen. Beim Öffnen entströmt der Dose eine schäumende Lake -
und strenges, nachhaltiges Aroma. Der aufgedunsene Fisch hat
kräftige Würze, der Verzehr seines Rogens wird zur Mutprobe.
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Natürlich stehen
auch Süßwasserfische seit je auf dem Speiseplan von Arm und
Reich. Wolga, Rhein, Donau oder Loire lieferten Lachse, Karpfen,
Welse und Flussbarsche; den Fogosch schätzte man rund um den
Plattensee. Der Hecht stand schon im Mittelalter hoch im Kurs;
besonders in Osteuropa schätzte man ihn als Basis für das
traditionelle jüdische Gericht "gefilte Fisch". Die gefüllte
Forelle hingegen war ein Muss für den Feinschmecker des 19.
Jahrhunderts.
Generell galt
seit der Antike der Grundsatz: je seltener der Fisch, desto
höher sein Prestige. Der exzentrische Kaiser Heliogabal aß
ostentativ keinen Fisch, so lange er an der Küste weilte. Mit
der Entfernung zu dieser aber stieg sein Appetit auf frischen,
feinsten Meeresfisch. Dazu mochte wohl auch der Gemeine Thun
gezählt haben. Der Name täuscht, sein gut durchblutetes,
dunkelrotes Fleisch macht ihn zum König aller Thune. Die uralte
Fangmethode der "tonnara" wird in Sizilien noch heute gepflogen.
Man treibt die Fische bis zu deren völliger Erschöpfung durch
Netze. Das dauert Wochen, dann beginnt die "matanza", ein
rechtes Gemetzel. Die Fischer ziehen das Netz hoch, spießen die
Fische auf und ziehen den zappelnden Fang mit Haken an Bord; das
Meer färbt sich tiefrot. Schon in Aischylos' Tragödie "Die
Perser" erscheint die "matanza" als Sinnbild blutigen
Abschlachtens. Sizilianischer Thun wird heute zu 90 Prozent
fangfrisch nach Japan exportiert. Sein Rogen liefert überdies
eine Spezialität, die "bottarga". Die gesalzenen, gepressten und
schließlich getrockneten Fischeier ergeben mit Olivenöl,
Knoblauch und Petersilie eine herrliche Pastawürze.
Die Vorstellung
von einstiger Artenvielfalt und üppigen Ressourcen stimmt heute
melancholisch. Industrielle Fangmethoden haben die Bestände
nahezu aller Speisefischarten dezimiert und die Handelspreise
schmerzlich in die Höhe getrieben. Nur wenige Fische kommen noch
gesalzen, geräuchert oder getrocknet in den Handel. Das Gros
wird tiefgefroren, auf Fabrikschiffen zu Filets verarbeitet.
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