Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat das Jahr 529
unserer Zeitrechnung als den Übergang der Antike zum Mittelalter
bezeichnet. Er begründete diese Definition mit der Schließung
der Philosophenschule von Athen durch den christlichen römischen
Kaiser Justinian und die der Überlieferung nach im gleichen Jahr
erfolgte Gründung des Klosters Monte Cassino durch den heiligen
Benedikt.
Justinian stand
der heidnischen Antike feindselig gegenüber. Und auch Benedikt,
der dem Vernehmen nach der Welt vor allem wegen deren
fleischlicher Lasterhaftigkeit den Rücken gekehrt hatte, befahl
seinen Gefolgsleuten vor allem Enthaltsamkeit. Doch ausgerechnet
die Bibliotheken der Benediktiner wurden zu dem Raum, in dem die
Traktate über die unerschöpfliche Vielfalt der antiken Küche des
römischen Urvaters aller Feinschmecker, Apicius, und all seiner
dekadenten Zeitgenossen über die Jahrtausende erhalten und in
wesentlichen Teilen weiterentwickelt wurden.
Während der
aufgeklärte Heide der Neuzeit den von Mönchen aus der Antike
konservierten und in den Klosterküchen verfeinerten und
erweiterten Delikatessen bis zur ersten Ermahnung durch seinen
Arzt ohne Gewissensbisse frönen kann, war der Umgang mit
Feinschmeckerei für die Benediktiner und alle Angehörigen später
gegründeter Orden immer ein Spiel mit dem (Fege)feuer. Benedikt
hatte in seiner Ordensregel zum Beispiel den Genuss von Fleisch,
von Ausnahmefällen wie der Krankenspeisung und Feiertagen
abgesehen, verboten.
Im Grundsatz von
Benedikts Ordensregel "Bete und arbeite!" steht das Beten nicht
zufällig vor dem Arbeiten. Das Ziel Benedikts war es, sich und
seinen Gefolgsleuten eine von weltlichen Versuchungen ungestörte
Möglichkeit der Suche nach Gott zu schaffen. Sämtliche
Verrichtungen im Kloster - auch die in Küche und Keller - waren
den fünf gemeinsamen Chorgebeten untergeordnet. Wenn dazu
geläutet wurde, sollten die Mönche buchstäblich den Kochlöffel
fallen lassen. Die Geschichte der Klosterküche lehrt, dass es
zumindest Ausnahmen von dieser Konvention gab.
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Gleichwohl war
die benediktinische Lebensweise nicht primär den Erfordernissen
von Acker, Küche und Keller untergeordnet. Die Arbeiten der
Mönche sollen die Kontemplation ergänzen und, was die Ernährung
angeht, ermöglichen. Eine radikale Änderung zeichnete sich hier
erst ab, als der weit blickende Karl der Große im Jahr 795 sein
Edikt "Capitulare de villis" erließ. Der Anlass für die
Landgüterverordnung waren schwere Hungersnöte wenige Jahre
vorher gewesen und nicht, wie man annehmen könnte, der Wunsch
des Kaisers, bei Reisen durch sein Reich überall annehmlich
versorgt zu werden.
Die lokalen
Träger von Karls Konzept für eine effiziente
Ernährungswirtschaft wurden die Benediktiner, deren Aktivitäten
damit formal zum verlängerten Arm staatlicher Wirtschaftspolitik
wurden, denn weiter recht und schlecht Fundament für frommes
Klosterleben zu sein. "De capitulare villis" umfasst präzise
Vorschriften über Anlage und Befüllung von Gärten und Ställen.
Die Vorschriften vermitteln in ihrem Ehrgeiz einer Mischung aus
einer EU-Vorschrift und Mao Zedongs "Großem Sprung nach vorne".
Sie beinhalten die Pflicht zur Pflanzung von Hauswurz als Schutz
gegen Blitzschlag ebenso wie die Bedingungen des kulturellen und
gesundheitlichen Werts der Klosterküche: Sauberkeit, frische
Zutaten, richtiges Werkzeug und Sorgfalt. Und: "Dass sich keiner
untersteht, die Weintrauben (beim Keltern) mit Füßen zu treten".
Nicht zuletzt den
Ergebnissen des klösterlichen Weinbaus, der bis zum Vormarsch
des Bieres im zweiten nachchristlichen Jahrtausend bis in den
Norden Schottlands betrieben wurde, entspringt mancher heutige
Zweifel an der enthaltsamen Kontemplation christlicher Mönche
und Nonnen. Die Geschichte der christlichen Orden war im
weiteren geprägt von einer Vielzahl von Versuchen, das vielfach
zur völlernden Entartung neigende klösterliche Leben durch
grundlegende Reformen seinem ursprünglichen Sinn zuzuführen.
Die
Ordensgründungen der Zisterzienser und der Franziskaner im
elften und zwölften Jahrhundert legen hierfür ebenso Zeugnis ab
wie die in der gleichen Zeit von Hildegard von Bingen
entwickelten Heilverfahren, deren Gegenstand oft die
gesundheitlichen Folgen genusssüchtigen Lebens waren.
Doch sogar die
Erinnerung an den radikalen Kritiker der Verweltlichung der
katholischen Kirche, den Reformator - und früheren Augustiner -
Martin Luther ist für viele nicht zuletzt mit seinen Tischreden
verbunden. Und auf den Porträts von Lukas Cranach sieht der
Dissident alles andere als asketisch aus. Die Prälaten und Äbte
sahen sich nicht zu einer Änderung der Speisekarten veranlasst.
Das beweist ein wandernder Kapuzinermönch namens Abraham a
Sancta Clara, der gut eineinhalb Jahrhunderte nach Luther mit
Berichten über die unerhörten Gelage an Höfen und in Klöstern
für Furore sorgte, während in Deutschland und Österreich Pest
und Hunger herrschten.
Der fortgesetzt
auch leiblichen Freuden zugetane Lebensweise der Patres
verdanken die Münchner im weiteren auch ihr Starkbier. Und der
Neid auf ein materiell gut versorgtes Leben hinter Klostermauern
war wohl einer der Hauptgründe dafür, dass die tief katholische
bayerische Landbevölkerung die Säkularisation zu Beginn des 19.
Jahrhundert weit gehend mit Gleichgültigkeit, wenn nicht mit
Sympathie betrachtete.
Das, was an oft
auf antike Überlieferungen zurückgehenden Rezepten damals nicht
vernichtet wurde, ist seither weiter verfeinert worden. Es
stellt heute eine nicht nur kulinarische Festung dar gegen eine
der mächtigsten und schädlichsten Versuchungen der Neuzeit: Fast
Food.
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