Die Beziehung von
Mensch und Vergorenem war von jeher besonders innig. Je inniger
sie in einer Kultur war, umso dichter war sie von Regeln und
Ritualen umstellt, die genau festlegten, wer wieviel wovon und
wie trinken durfte oder musste. Stets wurde im Umgang mit
Alkohol größter Wert auf Kontrolle gelegt. Theoretisch. In der
Praxis ging es naturgemäß weniger geordnet zu, und es waren
gerade die Sicherheitsregeln, die sich in die schlimmsten
Exzesse verkehrten. So zeigt sich die Geschichte der Trinksitten
als eine tragisch-komische Geschichte menschlicher
Gratwanderung.
Gleich der Auftakt ist brisant:
Alkohol wurde in vielen frühen Kulturen mit der Gottheit selbst
gleichgesetzt. Andere glaubten, Gott spreche aus dem Alkohol zu
ihnen. Die logische Folge war exzessive Berauschung, fühlte man
sich doch im Rausch dem Göttlichen gleich viel näher. Diese
sakralen Gelage wurden häufig als eine Art Gottesdienst
aufgefasst, als spirituelles Gemeinschaftserlebnis, das zu genau
festgelegten Zeiten stattfand und gewöhnlich mehrere Tage und
Nächte hindurch andauerte, fast immer unter Ausschluss der
Frauen. Für die Männer war die völlige Berauschung bis zur (oft
als heilig erachteten) Bewusstlosigkeit Pflicht. Einzeltrinker
gab es nicht.
Die Trinksitten unterlagen in
allen Kulturen strengen Regeln. Der Umgang mit dem Alkohol war
zu wichtig, um ihn spontanen persönlichen Einfällen oder
Gelüsten zu überlassen. Maß gab es, außer der Bewusstlosigkeit,
keines. Die Gelage waren der Versuch eines kontrollierten
Kontrollverlustes, um Raum für das Göttliche zu schaffen: streng
reglementierte Maßlosigkeit zur kontrollierten Aufhebung der
Kontrolle. Dabei kann natürlich manches schief gehen.
Der erste Becher, das erste Horn
war jeweils der Gottheit geweiht, zur Ehrung und um den Bund zu
bekräftigen. Bald darauf begann man allerdings, das Trankopfer
auch auf Ehre und Wohl Verstorbener oder großer Helden
auszudehnen. Die Sitte des "Zutrinkens" war geboren, die später
so viel Kummer bereitete. Noch in der griechischen und römischen
Antike hielt man sich während der Symposien strikt an die
Regeln, allerdings sollten diese nur mehr eine gleichmäßige und
gleichzeitige Berauschung der Teilnehmer sicher stellen. Alles
war genau eingeteilt, und Aristoteles erstellte sogar eine
Typologie der Betrunkenen, die unter anderem besagt, dass man im
Weinrausch nach vorne hinfällt, im Bierrausch auf das
Hinterteil.
Längst hatten sich die
Trinkregeln aber bereits im Alltag aufgelöst. Über die erlaubten
Anlässe hinaus durchflossen mehrere Liter Wein oder Bier nun
täglich die Kehlen, ganz ohne Gottsuche. Der sakrale Rausch war
verweltlicht und begann, seinen gesundheitlichen und sozialen
Zoll zu fordern. Natürlich wurden im Laufe der Jahrhunderte
immer wieder warnende Stimmen laut, schon seit dem alten
Ägypten.
Und die großen Religionen mahnten
alle zumindest zum Maßhalten. Und so mancher versuchte, mit
gutem Beispiel voranzugehen. Zum Beispiel Karl der Große. Sein
Chronist Einhard lobt: "An Wein oder anderen Getränken gönnte er
sich so wenig, dass er während der Mahlzeiten selten mehr als
drei Becher trank." Da kommt natürlich auch einiges zusammen.
Vergleichsweise erwies er sich aber tatsächlich als
erwähnenswert bescheiden.
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Die tägliche Bierration in
Klöstern betrug meistens fünf Liter pro Mönch. Für Nonnen etwas
weniger. Je nach Jahreszeit und Region kam noch Obst- oder
Traubenwein dazu. Ähnliche Mengen beanspruchten französische
Hofdamen, die Herren jeweils mehr. Und in Krankenhäusern wurden
jedem Patienten täglich bis zu zwei Liter Wein oder Bier
verabreicht, je nach Landessitte und wirtschaftlichen
Verhältnissen. Um es kurz zu machen: die gesamte Bevölkerung,
auch der Nachwuchs, trank täglich Alkohol, so viel sich ein
jeder eben leisten konnte, beziehungsweise so viel er auf Grund
seiner sozialen Stellung vom Arbeitgeber oder der Obrigkeit
beanspruchen durfte.
Bestimmte Trinkregeln wurden
dennoch eingehalten oder zumindest proklamiert. In einem
Benimmbuch des 15. Jahrhunderts heißt es u. a.: "Die Zähne
schlag nicht in des Bechers Rund, und schlürfe nicht mit vollem
Mund." Wer es sich leisten konnte, bevorzugte Wein zur sozialen
Distinktion. Außer in Weinbaugebieten galt er als Getränk der
Wohlsituierten und Gebildeten. Der Adel und bald darauf auch
Bürger ehrten sich und ihre Gäste mit demonstrativ großen
Mengen. Der Klerus stand um nichts zurück. Die breite Masse
hingegen versuchte aus Verzweiflung, täglich möglichst viele
Liter Bier oder gar Wein in sich hinein zu schütten:
wirtschaftliche Krisen, soziales Elend, Kriege, Pest und andere
Epidemien lieferten die Anlässe. Die meisten versoffen im
wahrsten Sinn des Wortes ihr letztes Hemd.
Eine andere Wahl hatten sie
allerdings selten, denn in den meisten Städten war die
Trinkwasserqualität ernsthaft gesundheitsgefährdend.
Alkoholische Getränke wiesen eine wesentlich geringere
Keimbelastung und noch dazu einen hohen Nährstoffgehalt auf.
Allerdings hielt man an diesem Argument jahrhundertelang fest,
auch wenn lange schon Heißgetränke wie Kaffee, Tee und Kakao
verfügbar waren, und die Wasserqualität keineswegs mehr immer
und überall so schlecht war, wie sie gemacht wurde.
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Was auf die Rekordhöhen der
täglichen Alkoholdosis folgte, ist nicht schwer zu erraten: es
wurde zur Mäßigung aufgerufen, vor allem von der Kanzel herab.
Säufer werden später in der Hölle Pech und Schwefel trinken
müssen, hieß es. "Trink aus dein Glas, meins bleibt nicht voll.
Uns immer wohler werden soll!", sang man in den Wirtshäusern.
Und in den Badehäusern: "Außen Wasser, innen Wein, lasst uns
alle fröhlich sein!"
Mit allen Mitteln kämpften dann Humanisten und Reformatoren, in
diesem speziellen Fall mit den Katholiken Seite an Seite, gegen
den "Saufteufel". Ein Jahrhunderte langes, zähes Ringen um
Nüchternheit setzte ein. "Wir predigen und schreien und
predigen. Es hilft leider wenig", klagte Luther. Nicht einmal
die allgegenwärtige Drohung, die Welt werde demnächst in einer
Apokalypse des Rausches versinken, zeigte Wirkung. Vor allem das
Zutrinken, dieses Ritual des heidnischen Gelages, sollte nun
endlich abgeschafft werden, denn dem Drängen des Zuprostenden
nicht nachzukommen, galt nach wie vor als schlimme Beleidigung,
was die konsumierte Alkoholmenge drastisch in die Höhe trieb.
Die alten Trinkregeln hatten die
Jahrhunderte ziemlich unbeschadet überstanden: Ein dargebotenes
Getränk darf man nicht ablehnen, man darf sich nicht zurück
ziehen, solange die anderen trinken, und man muss genauso viel
wie sie trinken, und sei es bis zur Bewusstlosigkeit. Dadurch
erweist ein Mann sich als stark, im gegenteiligen Falle als
Schwächling. Für Frauen galt das alles nicht. Ihr Alkoholkonsum
war daher meist etwas geringer. Auch wurde ihr Rausch meist
kritischer be- und verurteilt.
Aber das Zutrinken, jetzt auch "Bescheidtun"
genannt, war trotz aller Verordnungen und Strafandrohungen nicht
auszurotten. Zu wichtig war den Männern aller Schichten dieses
Kräftemessen, das Wett- und Kampftrinken, das Duell mit dem
Becher. Jeder musste mitmachen und war somit unter sozialer
Kontrolle. Reagierte einer auf das Zutrinken nicht (oder nicht
mehr), wurde er automatisch zum Feind. Die Folge: soziale,
gesellschaftliche, wirtschaftliche Ausgrenzung, aber durchaus
auch physische Angriffe bis hin zum Totschlag. So ein munterer
Umtrunk war eine ernste Sache. Nicht zuletzt, weil es zu
zahlreichen (direkten und indirekten) Todesfällen erst recht
kam, wenn man mittrank. Der Zusammenhang mit dem ernsten Sinn
und Hintergrund des arachischen Gelages war zwar verkehrt, aber
immer noch wirksam.
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Als einer von vielen berichtet
Grimmelshausen, wie beim Zutrinken häufig "der Angstschweiß
ausbrach; doch es musste gesoffen sein". Und ein englischer
Reisender schildert erschöpft, "dass es einem besser ist, unter
seine Feinde mit Fechten als unter seine Freunde mit Trinken zu
geraten". So war es durchaus üblich, dass so mancher Diener für
seinen Herren "vor dem Trunk stehen" musste, also
stellvertretend den Zutrunk, den Trinkkampf ableisten. Aber
schließlich war auch viel dabei zu gewinnen: neben Ruhm und Ehre
und Kränzen auch Karrieren und Titel, Ländereien, Schlösser,
Ehefrauen und Geliebte. Bis weit ins 18. Jahrhundert hielt man
mancherorts an dieser Sitte fest.
Offenbar spielte dabei der
unverwüstliche "In vino veritas"-Glaube eine große Rolle, der
sich von den archaischen Anfängen bis heute durch die gesamte
Geschichte zieht. Schon Alkaios hielt fest: "Der Wein ist ein
Spiegel für die Menschen." "Den Edeln erhebt der Wein, den
Niedrigen entwürdigt er", weiß der Talmud. Ein Studentenlied
bringt den Gedanken für das 17. Jahrhundert auf den Punkt: "Wer
sich scheut, ein Rausch zu han, der will nicht, dass man ihn
soll kennen, und ist gewiss kein Biedermann." Und Lichtenberg,
der sich 1773 die Mühe machte, 144 Ausdrücke für Trunkenheit
aufzulisten, bestätigt: "Der Wein reizt zur Wirksamkeit, die
Guten im Guten und die Bösen im Bösen."
Bis heute kursiert das Zitat "Wer niemals einen Rausch gehabt,
der ist kein braver Mann". Es geht auf den Text von Joachim
Perinet zum Singspiel "Das Neu-Sonntagskind" von 1793 zurück, wo
es heißt: "Wer niemals einen Rausch hat g'habt, der ist ein
schlechter Mann, wer seinen Durst mit Achteln labt, fang lieber
gar nicht an". "Alle bösen Menschen sind Wassertrinker", wurde
im Frankreich des 19. Jahrhunderts nach einem Couplet
sprichwörtlich.
Mit dieser Hartnäckigkeit
rechnete im 15. und 16. Jahrhundert niemand, als man sich
allerorts zuversichtlich an die neuen Verordnungen machte, die
die Maßlosigkeit und das "Zwingen zum Trunk" unter Strafe
stellten. Vorsorglich wurden die Schankzeiten verkürzt und viele
Trinkstuben geschlossen, um ihre Anzahl zu vermindern. Bei der
Umerziehung des Volkes stieß man allerdings rasch auf Probleme.
Eines davon war, dass Klerus und Aristokratie an den alten
Trinksitten festhielten und sich weigerten, nüchtern zu werden.
So wurden diverse Vereine gegründet, um mit den Waffen der Moral
die feuchte Angelegenheit in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel
die "Brüderschaft der Enthaltsamkeit", in der weltliche und
kirchliche Größen als Vorbilder feierlich dem "Volltrinken"
abschworen. Unter Enthaltsamkeit verstanden sie: "Frei steht es
jedem, zu sich zu nehmen, was seine Natur ertragen kann." Und
das ist bekanntlich nicht wenig.
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So bekundete ein Adliger im Zuge
dieser Bewegung schriftlich seinen heroischen Vorsatz, drei
ganze Jahre lang nur mehr höchstens drei Flaschen Wein pro Tag
zu trinken und · "weil vom Bier unterweilen auch Räusche zu
fallen pflegen" · zusätzlich nur mehr so viel Bier, wie zum
Durstlöschen unbedingt nötig. Auch im blaublütigen "Orden der
Mäßigkeit" gelobte man feierlich, sich des "Vollsaufens"
enthalten zu wollen und auch andere nicht mehr zum Trinken zu
zwingen. Allerdings nur auf zwei Jahre befristet.
Aber immerhin wurde nun ein
gewisser, wenn auch noch zaghafter Wille zur Nüchternheit
öffentlich demonstriert. Theoretisch. Die Chroniken und Memoiren
des 16. und 17. Jahrhunderts sind hingegen voll von
Schilderungen wüstester Trinkorgien. Nüchterne Tage waren die
krasse Ausnahme. Besonders auf das Verbot des Zutrinkens wurde
kräftig angestoßen. "Starker Trunk" und "große Gesäufte" waren
weiter die Regel. Und so wurden mancherorts kurz nach Erlassen
der Verordnungen neue Leiterwagen angeschafft, um die
Volltrunkenen von den Straßen einzusammeln. Und die
hochwohlgeborenen Herrschaften wurden weiter getadelt und
tadelten ihrerseits Studenten und Soldaten für ihre schlimme
Unmäßigkeit. Aber auch der Klerus beider Konfessionen bekam
seinen Teil wegen "Voll- und Tolltrinkens" und Raufens in diesem
Zustand ab und fand seinerseits so manches an den ihm
anvertrauten Gläubigen auszusetzen. So zum Beispiel, dass die
Bauern nach durchzechter Nacht die Predigt verschlafen und "wie
die Säue in der Kirche schnarchen".
Getadelt wurde viel, aber
getrunken nicht weniger. Das änderte sich erst im 18.
Jahrhundert, allerdings nicht zum Besseren: der Branntweinkonsum
nahm nun drastisch zu und erreichte im 19. Jahrhundert
gefährliche Ausmaße. Breite Teile der Bevölkerung Europas und
der USA, vom sozialen Elend ohnehin geschwächt und zerrüttet,
fielen der Schnaps-Epidemie, der "Branntweinpest" zum Opfer.
Zwar als "Gesöff des Pöbels" gebrandmarkt, griffen auch
Bessergestellte kräftig zu, allerdings nur bei guter Qualität
und meist in abgeschwächter Form modischer Mixgetränke. Die
verarmten Unterschichten tranken den billigen Fusel pur. Und
zwar so viel sie auch immer davon bekommen konnten, denn
Schnaps, "aqua vita", galt als Stärkungsmittel.
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Der Umgang mit Alkohol und die
Sprache spiegeln die wirtschaftlichen Veränderungen wider:
Schnaps kommt von schnappen, weil man ihn üblicherweise in einem
Zug runterkippt: schnapp es! Der Rausch war mit Hochprozentigem
schneller, effizienter zu erlangen: im wahrsten Sinn des Wortes
im Handumdrehen. Und Zeit war ja nun Geld. Die alten Trinksitten
waren hier nicht mehr anwendbar. Gehalten haben sie sich nur als
gesellschaftliche Randerscheinung in Subkulturen, hier
allerdings bis heute.
Trinken wurde etwas Persönliches,
Privates. Die Teilnehmer des Gelages vereinzelten. Der Zwang
blieb, aber er kam nun mehr von innen. "Es ist ein Brauch von
alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör", heißt es
gutbürgerlich bei Wilhelm Busch. Die Realität der Arbeiter war
eine andere. "Betrunken für einen Penny. Sinnlos betrunken für
zwei. Strohhalm gratis", lautete der Slogan in Londoner
Ginläden. Die Antwort darauf waren Mäßigungskampagnen und neue
Entsagungsvereine. Der Verbrauch ging nicht zurück, sondern
erklomm vielfach neue Höhen. Erst die veränderten Anforderungen
der Wirtschaft gaben den Ausschlag: die zunehmend komplexe und
komplizierte Industrie verlangte nüchterne Operateure. Wer
überleben wollte, musste sich danach richten.
Damit war die Zeit der großen
Dauerräusche für den Großteil der Bevölkerung endgültig vorbei.
Trotz Schwankungen (nach dem Zweiten Weltkrieg) brachte es das
20. Jahrhundert nie wieder annähernd auf die enormen Mengen
früherer Epochen. Eine noch gründlichere Ernüchterung erzwangen
die Anforderungen des Informationszeitalters, samt Gesundheits-,
Fitness- und Wellness-Streben. Gesamtgesellschaftlich betrachtet
ist hier ein sensationell vernünftiges Maß verwirklicht. Und
spirituelle Bedürfnisse lassen sich schließlich auch in
Meditation und Gebet befriedigen.
["Die Darstellung beruht auf dem
Buch von Hasso Spode: Die
Macht der Trunkenheit, Neuauflage, Wiesbaden 2008" (bzw.
... Opladen 1993")]
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