Von Sushi bis Dashi, von Soya bis Goya - die
japanische Küche steckt voller Überraschungen und Geheimnisse, und sie gilt
als gesündeste Küche der Welt.
Was die Liebhaber der japanischen Küche entzückt - die rohe Reinheit des
Geschmacks, die Ästhetik von Farben und Formen -, all das entsetzt die
Verächter. Kaum eine andere Esskultur gewinnt dem Meer so viel ab - und
zelebriert es gleichzeitig so sehr.
Die Orthodoxen beider Schulen neigen zum Übertreiben. Die einen träumen von
japanischen Folterknechten, die sie zum Herunterwürgen von Massen lebender,
kleiner Fische mit schwarzen Augen zwingen und dann ein qualvolles Ende
machen, indem sie Innereien des giftigen Kugelfischs verabreichen. Wer rohen
Fisch isst, ist wie Gollum in "Herr der Ringe", der zum schizophrenen
Höhlenwesen heruntergekommene Hobbit. Für die anderen ist das Magenkitzeln
jener kleinen Fische, shirauo no odorigui, bei ihrem letzten Tanz so
herrlich wie die Delikatesse des fugu, dessen streng lizenzierte Köche das
Gift der Leber und der Eierstöcke mit der Fingerfertigkeit von Chirurgen
entfernen. Und ohne einen einzigen Kunstfehler. Ist es das höchste der
Gefühle, das letzte Abschmecken von Eros und Thanatos, russisches
Fischroulette?
Aber lassen wir Gurus wie Ignoranten in ewiger Gaumenfeindschaft allein. An
beiden ist Liebesmüh und Werbung verschwendet. Und Liebesmüh, die den Augen
so viel Recht gibt wie der Zunge, ist es, welche die japanische Küche
ausmacht. Nicht ihre Extreme wie fugu und shirauo. Typischer ist ihr
Minimalismus, dessen Mengenlehre besagt: viel verschiedenes Kleines statt
viel von einem. Essen als das kleinste gemeinsame Vielfache statt des großen
Ganzen. Vorgeschnitten vom Chef wie anderswo für Alte oder Kleinkinder, ist
es nicht nur diskreter, appetitlicher und bekömmlicher.
Die Essstäbchen bewegen sich in geräuschloser Eleganz beim Aufnehmen der
Happen. Bis auf das ostentative Schlürfen und Schmatzen von udon oder soba,
ein artiges Kompliment an den Koch und ein Zitat des Essgebarens der
niederen Schichten, wo die Nudelsuppen beliebt sind, macht Nahrungsaufnahme
in Japan keinen Lärm. Die Schale mit Reis, die Götterspeise, die sich selbst
genug ist und um die alles andere Nebengericht wird, wird auf wie zum Tragen
eines Tabletts aufgespreizten Fingern zum Mund geführt. Nichts klirrt,
fräst, quietscht, scheppert wie häufig genug bei Messer und Gabel. Umso mehr
Raum ist für Gelächter und Geschwätz, ohne die Essen langweilig wäre.
Roland Barthes, der französische Semiotiker, hat einmal den gedeckten
schwarzen Lacktisch, wie er dem auf Reisstrohmatten Sitzenden gereicht
wurde, darauf all seine kunstvoll gefüllten Schälchen und Töpfe, mit einem
Gemälde verglichen. Dann, auf den zweiten, genauen Blick, mit einer
Farbpalette. Man tupft und tuscht mal hier, mal dort. Das Gemälde entsteht
im Essrhythmus im Magen. "Gärten auf dem Teller" hat man Japans Cuisine
genannt und "die Essenz essbarer Kunst". Farbenlehre, die fünf Regeln des
Arrangements in Asymmetrie (Kantiges in runden Gefäßen, Rundes in
gestreckten Schalen) - man könnte tief eindringen in das Allerheiligste des
Essens, wo es die raffinierte Ernsthaftigkeit von Teezeremonie, die
japanische Kunst des Blumensteckens oder der Kalligrafie erreicht. Man kann
daraus einen Kult machen.
Nicht wenige Japaner tun eben das mit Gusto. Sie fiebern mit den "Iron
Chef"-Wettköchen im Fernsehen. Sie kennen Restaurants, manchmal billige
Garküchen, die durch Geflüster und irgendeine Spezialität Kultstatus
erreichen und Warteschlangen um den Block ziehen. Bis sie irgendwann in
Ungnade fallen. In einem Land, in dem feudale Genießer schon im 19.
Jahrhundert um den ersten Verzehr einer jahreszeittypischen Zutat
wetteiferten (in späterer Reinkarnation flogen sie Beaujolais Primeur ein,
um ihn, der Zeitverschiebung wegen, vor den Franzosen zu verkosten); in
einem Land, in dem Blindtests von absonderlichen Speisen vor 150 Jahren
beliebte Spiele waren und Bücher wie "Hundert seltene Geschmacksfarben des
Tofu" berühmte Bücher sind; in einem Land, in dem zu jedem Fest, jeder
Stimmung bestimmte Gerichte passen und Gedichte zum Lob und Ruhm toter
Fische verfasst werden - in einem solchen Wunderland der Hohen Essensminne
ist man wirklich noch, was man isst.
Das bedeutet nicht, dass sich die japanische Küche nicht auch ohne Kult und
ethnologisches Tiefschürfen genießen ließe. Gibt es nicht das schlichte
tempura, das einst von den Portugiesen übernommene Frittieren von Gemüsen
und Seegetier? Ein fast fettfreies Gericht, das Neulingen wie Feinschmeckern
mundet und von Japanern gern auch sushi-erfahrenen ausländischen Gästen
angeboten wird. Gibt es nicht tonkatsu, frittiertes Schweinekotelett, mit
Reis und miso-Suppe und geriebenen rohen Rüben und einer Art
Worcestershiresauce japanisiert, ein Lieblingsessen von japanischen Kindern
und Erwachsenen? Gibt es nicht neben sushi und sashimi, der im Ausland
adaptierten Avantgarde japanischer Meeresküche, auch hundert Eintöpfe, nabe,
und tausend Varianten von Nudelsuppen, wie udon, somen, soba oder ramen? Ist
diese Küche vielleicht sogar am köstlichsten, wie manche schwören, wenn sie
weder Fisch noch Fleisch ist?
Fleisch und Wildbret wurde in Japan verzehrt wie Fisch, Meerestiere und
Reis, bis im sechsten Jahrhundert der Buddhismus, aus China kommend,
vegetarische Gebote mindestens bei Hofe einführte. Kaiser Temmu verbot 675
die Tötung von Rind, Pferd, Huhn und Affe. Die karge Kost der Krieger und
der Zen-Mönche gewann Einfluss. Wie genau es Samurai allerdings mit dem
Fleischverbot nahmen, steht dahin. Aus der zweiten Hälfte der Edo-Zeit wird
berichtet, dass im einträglichen Düngemittelgeschäft mit menschlichen
Hinterlassenschaften für die Fäkalien aus Samurai-Haushalten Höchstpreise
bezahlt wurden, da man annahm, dass man sich dort öfters dem Fleischgenuss
hingab. Für das gemeine Volk wurde erst mit der erzwungenen Öffnung Japans
zum Westen der Fleischverzehr um 1860 wieder gesellschaftsfähig und -
angesichts der groß gewachsenen und militärisch wie kaufmännisch aggressiven
Westler - ein Gebot der Moderne wie der imperialistischen Ambition des
Kaiserreichs. Der Meiji-Kaiser ließ wissen, dass sich nun geziemte, was so
lange verboten oder den "Langnasen" in der Handelskolonie von Nagasaki
vorbehalten gewesen war.
Man täusche sich nicht. Das Unbehagen gegenüber Ausdünstungen der
"Butteresser" ist noch heute, im Zeitalter von "Mack-Donaldo" und
Steakhäusern, gerade unter Frauen nicht ganz überwunden. Wer sich
überwiegend von Fisch, Reis und Gemüsen ernährt, riecht anders. Japaner
schwitzen wenig und nahezu geruchsfrei. Ein schweißnasser Westler möge es
nicht übel nehmen, wenn sich in der U-Bahn Kreise um ihn öffnen. So wenig
wie die sake -geschwängerte Luft um taumelnde Spätheimkehrer am selben Ort.
Als Truman Capote 1955 nach Japan reiste, fiel dem bald zum Starautor ("Breakfast
at Tiffany's") aufsteigenden Amerikaner nicht nur auf, wie angenehm alles in
Japan für klein gewachsene Männer war: Betten, Bäder, Kleider, die
überschaubaren Menschenmengen. Capote fand bald, dass die Japaner zehn Jahre
nach Kriegsende noch nicht viel von fremden Cuisines verstanden: "Es ist
alles in allem ein Fehler, in Japan westliches Essen zu bestellen", notierte
er, "auch wenn die Momente aufkommen, wo man erschaudert bei dem Gedanken an
mehr rohen Fisch, sukiyaki und Reis mit Seetang."
Im selben Jahr besuchte sein Landsmann und Schriftstellerkollege William
Faulkner das Inselreich. Der hielt sich lieber an Reiswein, der ihm bald
mundete. Faulkner lernte ein wenig vom Ritual des gegenseitigen
Einschenkens, bei dem der Gastgeber (oder die Geisha, die Hausfrau,
jedenfalls der Rangniedere) mit dem Wort "dozo" ("bitte") signalisiert, das
Schälchen des Gastes erneut füllen zu dürfen. "Would you please dozo me?",
pflegte Faulkner bald zu sagen, wenn er mehr sake wollte. Oder: "Professor
Suzuki needs to be dozo-ed."
Zweifellos war dies zum Vergnügen der Japaner. Es gibt keine großmütigeren
Gastgeber, die Ausländern, gerade beim gemeinsamen Mahl, größere
Narrenfreiheit gewährten als die Japaner. Was nicht bedeutet, dass sie alles
mit uns teilen können. Selbst westliche Sprecher mit vorzüglichen
Japanischkenntnissen werden nicht mitkommen, wenn sie, gern mit
lautmalerischen Begriffen, nur die Konsistenz einer Speise beschreiben.
Über Geschmackssachen, aji-no-moto, beim Essen können Japaner mit
Leidenschaft und Sachverstand diskutieren. Wieder haben Ausländer Mühe
mitzureden, wenn der Begriff umami fällt. Er umschreibt eine
Geschmacksqualität, den als Erster der japanische Forscher Kikunae Ikeda
1908 beschrieb und der im Westen, etwas irreführend, als der "fünfte
Geschmack" bekannt wurde. Ikeda fand bei seinen Experimenten, dass etwa der
Pilz Shiitake, den Japaner umai nennen, schlicht "wohlschmeckend", auch mit
"fleischig" erklärt, durch unsere Kategorien süß, sauer, bitter und salzig
nicht beschrieben wird. Träger des umami-Geschmacks ist die Glutaminsäure,
eine Aminosäure, welche in Form von Glutamat als Geschmacksverstärker in den
Küchen Ostasiens verwendet wird.
Wem solche Zungenfertigkeit zu spinnert scheint, wird über die
gastrosophischen Köstlichkeiten von Junichiro Tanizaki in seinem Essay "Lob
des Schattens" erst recht den Kopf schütteln. In dem "Entwurf einer
japanischen Ästhetik" beschrieb er 1933 die Wirkung des halb dunklen,
vorelektrischen japanischen Hauses auf eine Suppe in einer Sprache, die
selbst in Übersetzung auf der Zunge zergeht: "Unvergleichlich ist dagegen
bei der Lackschale die kurze Zeitspanne vom Abnehmen des Deckels bis zum
Ansetzen der Schale an den Mund, wenn am dunklen, tief hinabführenden
Schalengrund die kaum von der Lackfarbe zu unterscheidende, lautlos
dahindämmernde Flüssigkeit sich dem Auge darbietet."
Die Trauer Tanizakis um das untergehende Schattenreich Japan erspürte im
Kulinarischen "eine Art von Mystik, ein Anstrich von Zen", er lauschte in
der Suppenschale "jenem ganz leisen, wie von einem fernen Insekt
herstammenden Ton", wenn er seine Sinne auf den Vorgeschmack richtete.
Dieses Vorkosten durch die Augen ist in der japanischen Küche essenziell.
Man mag es mit Tanizaki halten, der "die Wirkung einer wortlosen Musik" im
Schatten wahrnahm, oder ihn für überspannt halten, als er darauf beharrte,
dass der Appetit um die Hälfte abnehme, wenn man japanische Speisen an
hellen Orten (adieu, sushi-Laufband) aus weißlichem Geschirr isst.
Auch wenn bis ins 18. Jahrhundert Reis teuer und Hirse und Kartoffeln für
das einfache Volk wichtiger waren, kein Japaner wird ungerührt sein, liest
er vom "Ehrfurchtgebietenden" des frisch gekochten, dampfenden Reises. Reis
ist die Seele des japanischen Mahls. Als Gabe auf Hochzeiten oder an
Hausaltären, gekocht oder in Form von sake - im Reis lebt weit mehr, als wir
unserem täglichen Brot außerhalb der Kirchen abgewinnen können. Nach dem
Reis aber kommen die Ozeane mit all ihren Geschöpfen.
Inzwischen gibt es so viele japanische Kochbücher im Westen wie sushi -Bars.
Sie lehren, dass der Essigreis des sushi ursprünglich nur Fisch haltbarer
machen sollte; dass der fingerfertige sushi-Chef seinen besten Kunden nie
Fisch nach dem Mittag anbietet; warum man in den besseren Bars nie bestellt,
sondern das Multi-Gang-Menü, omakase, isst, welches der Chef serviert, und
zahlt, was er verlangt. Das New Yorker "Masa's" von Chef Masayoshi Takayama
etwa rühmt sich des teuersten Essens in Amerika: 500 Dollar für omakase mit
Trinkgeld. Der Fisch wird täglich aus Tokio eingeflogen, nicht etwa
tiefgekühlt, in Begleitung eines "fish sitter". Aber 500 Dollar? Und das
reicht nur, wenn man nicht den teuren sake trinkt.
Es bleibt die Stärke dieser Küche, fast nie mit Saucen und Gewürzen zu
verfälschen oder zu schönen, was eigenen Geschmack hat. Die omnipräsente
Sojasauce shoyu steht abseits wie der Senf wasabi. Gibt es Vielseitigeres
als das proteinreiche tofu, das man braten, kochen, backen, frittieren,
dünsten, marinieren, trocknen und frisch essen kann? Und das den "Geschmack
von hundert Dingen annimmt", wie die Chinesen sagen, die von Saucen viel
verstehen. Kann es Großartigeres (oder Abstoßenderes!) geben als natto, die
selbst unter Japan-Liebhabern heftig umstrittene, Fäden ziehende,
fermentierte Sojabohnenpaste, welche den einen schmeckt wie der Himmel
selbst und den anderen stinkt wie sehr alte Socken? Gibt es Praktischeres
für Schule oder Picknick als onigiri, Reisballen mit oder ohne den schwarzen
Seetang nori, um ein Stück Fisch oder eine eingelegte Pflaume geformt?
Die japanische Esskultur gehört in jeder Weise zu den
am weitesten entwickelten der Welt. Besonders Tokio hat eine große Auswahl
an Kochkünsten aus aller Welt zu bieten: manche sagen, dass sich die
weltbesten Chinarestaurants in der japanischen Hauptstadt befinden.
Oftmals verschwimmen in Japan die Grenzen der einzelnen Esskulturen. Die
moderne japanische Küche nimmt ausländische Einflüsse auf, und heute ist es
oft schwer zu sagen, was japanisch ist und was nicht: Gerichte wie gegrillte
Hähnchenspieße – yakitori – werden in Japan erst seit dem Zweiten Weltkrieg
gegessen und trotzdem sind sie ein deutlicher und essentieller Bestandteil
der heutigen japanischen Esskultur. Da der Buddhismus ursprünglich das Essen
von Fleisch verbot, wurde es erst im 19. Jahrhundert gegessen und es dauerte
noch viel länger, bis es zur alltäglichen Ernährung gehörte. Die japanische
Zubereitungsvariante Tempura (frittiert) entstand durch portugiesische
Einflüsse im 16. Jahrhundert, während man bei Tofu glaubt, dass es im 8.
Jahrhundert von China nach Japan kam.
|