Die
Steinzeitmenschen verzehrten, was die Natur bereithielt. Sofort,
und von der Hand in den Mund. Ausreichend Nahrung sicherte das
Überleben - auf die Zubereitung kam es dabei nicht an. Und schon
gar nicht auf Geschirr oder Besteck.
Andere Zeiten, andere Sitten,
auch bei Esskultur und Tischmanieren. Nicht immer ist mit Messer
und Gabel gegessen worden. Und bis heute hat diese Sitte nicht
alle Kulturen erfasst. Sie ist, ganz im Gegenteil, stark
rückläufig, denn das Zulangen mit den Fingern ist weltweit
wieder groß im Kommen. Ein Grund dafür ist der überhandnehmende
Konsum von Fast und Junk food, der die Kunst, mit Messer und
Gabel halbwegs elegant (oder zumindest zweckmäßig) zu hantieren,
überflüssig macht. Die Zahlen sprechen für sich: Der Großteil
der Menschheit isst vorwiegend mit den Fingern, 1,2 Milliarden
Menschen verwenden Stäbchen, und nur mehr 500 Millionen Menschen
nehmen weltweit noch regelmäßig Messer und Gabel zu Hilfe.
Tendenz: rapide fallend.
 |
Historisch betrachtet hat das
Speisen mit Messer und Gabel eine viel kürzere Tradition als man
glauben möchte. Die Geschichte des Essbestecks, vor allem die
Geschichte der Gabel, ist erstaunlich kurz. Vorläufer von Messer
und Gabeln gab es natürlich seit Menschengedenken: Scharfe
Klingen zum Zerteilen der Speisen und Spieße zum Braten. Die
Gabel, vom althochdeutschen Wort "gabala", war ursprünglich ein
gegabelter Ast. Benützt wurden Messer, Gabel und Schöpflöffel
anfangs aber nur zur Vorbereitung der Speisen, nicht beim Essen.
In der Antike langte man lustvoll
mit den Fingern zu. Wurden diese dabei allzu fettig, wischte man
sie am liebsten am Brot ab. Eigentlich eine sparsame und die
Nahrung würdigende Angewohnheit, denn das angefettete Brot wurde
natürlich gegessen und nicht wie eine Serviette weggeworfen.
Selbstverständlich gab es Tischmanieren, auch wenn man
bekanntlich nicht zu Tisch saß, sondern lag. "Ein lästiger und
ungezogener Tischgenosse zerstört alle Lust", klagte Plutarch in
seinem "Gastmahl der 7 Weisen" über die, die sich nicht dran
hielten.
Unter allem Essbesteck hatte es die Gabel am schwersten, sich
einen Platz am Tisch zu erobern. Die erste Erwähnung der Gabel
als Essgerät stammt zwar aus dem Jahr 1023, und es finden sich
Hinweise, dass bereits damals der eine oder andere Aristokrat
gelegentlich eine Gabel in die Hand nahm, es sollte aber noch
Jahrhunderte dauern, bevor dieses heute so vertraute Gerät sich
durchsetzen konnte.
 |
Das ganze Mittelalter hindurch
wurde hauptsächlich mit den Fingern oder mit hölzernen Löffeln
gegessen. Vornehme Herren benutzten gern Messer, die sie stets
bei sich trugen und auch zu allem möglichen anderen verwendeten.
Gegessen haben aber auch sie per Finger: Die Messer dienten
lediglich der Zerkleinerung und Portionierung. Die
mittelalterlichen Tischsitten überlebten wie kaum etwas anderes
ihre Zeit und die folgenden großen Umbrüche ziemlich
unbeschadet. Selbst Martin Luther, als angesehener Mann Gottes
vielen ein Vorbild, jammerte 1518: "Gott behüte mich vor
Gäbelchen." Ohne die katholische Abneigung zu teilen, war ihm
die Gabel als Esswerkzeug einfach zu umständlich.
Der große Gelehrte Erasmus von
Rotterdam schrieb 1530 in seinem Anstandsbuch über gesittetes
Betragen bei Tisch: "Was gereicht wird, hat man mit drei Fingern
oder mit Brotstücken zu nehmen." Und noch "Sonnenkönig" Ludwig
XIV. fasste im vornehmen, tonangebenden Frankreich des 17.
Jahrhunderts "mit den Pfoten ins Ragout", wie uns ein
Hofchronist überliefert.
Was hatten die Menschen bloß gegen die Gabel? Den größten und
hartnäckigsten Widerstand setzte ihr die katholische Kirche
entgegen, denn aus christlicher Sicht ist die Gabel prinzipiell
ein höchst suspekter Gegenstand. Kein Wunder, galt sie doch von
jeher als bevorzugtes Attribut des Teufels und vieler Hexen.
Auch das machte es ihr so schwer, vom Küchentisch, wo sie als
nötiges Übel geduldet wurde, auf den Esstisch und bis in die
Münder zu gelangen.
 |
Der Mensch soll seine Finger
benützen, gebot die Kirche unverrückbar: Gott habe die Finger
geschaffen und nicht die Gabeln, um damit all seine Gaben zu
berühren. Bei Zuwiderhandeln musste dementsprechend mit der
Strafe Gottes gerechnet werden. So berichtet ein italienischer
Chronist des Mittelalters von einer feinen Dame, die an einer
Festtafel mittels mitgebrachter Gabel speiste. "Wegen des
übertriebenen Zeichens der Verfeinerung" wurde sie von den
anwesenden Kirchenmännern prompt getadelt. Die Angelegenheit
sollte noch lange für Gesprächsstoff sorgen, denn als sie kurz
darauf starb, wurde ihr Tod von so mancher Kanzel herab als
Strafe Gottes ausgelegt und als Warnung genommen, im Übermut zur
Gabel zu greifen. "Finsteres" Mittelalter? Noch im 17.
Jahrhundert geißelte ein Chronist die "unerhörte Affektiertheit"
der Minderheit der Gabelfreunde. Vor allem Männer, die eine
Gabel in die Hand nahmen, wurden als geziert und unmännlich
verspottet. Und in einem auflagenstarken Manierenbüchlein der
Jahrhundertmitte findet sich schließlich folgender "Rat":
"Versuche nicht, die Suppe mit einer Gabel zu essen."
Trotz allen Widerstandes gelang
der Gabel dann aber doch noch der große Durchbruch. Im späten
17. und vor allem im 18. Jahrhundert war sie von den Esstischen
plötzlich nicht mehr wegzudenken, und die Gabelproduktion (und
allgemein die des Essbestecks) lief auf Hochtouren. Die
Essgeräte wurden nun immer wertvoller, kunstvoller und
prunkvoller, weit über die tatsächliche Nützlichkeit hinaus.
Dieser Durchbruch gelang nicht trotz, sondern wegen der vorher
vielkritisierten übermäßigen Vornehmheit der Gabel. Um sich
abzugrenzen und Standesunterschiede zu betonen, stocherte man
nun mit dem (häufig edelsteinbesetzten) neuen Luxussymbol, mit
dem sich so gut Raffinement und Erhabenheit demonstrieren ließ,
im Essen herum.
 |
Wer nun auf sich hielt, nahm
sogar Konfekt nur mehr mittels eigens dafür vorgesehenen
zweizinkigen Gäbelchen auf. Bald galt vergoldetes Vorlegebesteck
als unentbehrlich, ebenso die Austerngabel und der Spargelheber.
Ein Leben ohne vielfältiges Tischbesteck und vor allem ohne eine
reichhaltige Gabelauswahl wurde unvorstellbar. Das Essbesteck
mauserte sich zu einem wichtigen Renommiermittel, und mit den
entsprechenden Tischmanieren stand und fiel so manche Karriere.
Der berühmte Baron Knigge wird in
diesem Zusammenhang gern zitiert, aber zu unrecht, denn der
angebliche Benimm-dich-Apostel interessierte sich herzlich wenig
für Tisch- und andere artige Manieren. Nur wenige Anstandsregeln
gehen auf ihn zurück, wie die, dass man nicht "bei Tische den
abgeleckten Löffel, womit man gegessen, wieder vor sich
hinlegen" soll. Wo man ihn sonst hintun soll, führt er leider
nicht näher aus: "Dergleichen Regeln mehr zu geben, dazu ist
hier nicht der Ort", schreibt er 1788 in seinem bis heute
fälschlicherweise als Manierenratgeber kolportierten
psychologischen Werk "Über den Umgang mit Menschen". Herausgeber
erwähnen dieses Knigge-Missverständnis seit langem im jeweiligen
Vorwort. Das Problem ist nur: Wer wird schon ein Vorwort lesen,
wenn er nicht vor hat, das Buch zu lesen.
 |
Wenn sie auch nicht von Knigge
stammen, Tischregeln gab es immer eine ganze Menge. Absolut
verpflichtend war jedenfalls fortan das Essen mit Messer und
Gabel, sogar für Geflügel und andere ähnlich mühsam mit Besteck
zu verzehrende Speisen. Lediglich kleinen Kindern wurde
diesbezüglich eine Schonfrist zugebilligt. Die Vornehmheit wurde
rasch demokratisiert, und schon im späten 19. Jahrhundert
umfassten alle Klassen und Stände wie selbstverständlich Messer
und Gabel. Das Verwenden von Essbesteck · und zwar des jeweils
richtigen! · wurde, vor allem in Europa, zum Zeichen für
Zivilisiertheit und Kultur. Manierenkurse und verstohlene Blicke
zu den Tischnachbarn an Tafeln mit Besteckvielfalt und
ausgefallenen Speisen waren die Folge.
Was steckt hinter der neuen
Vorliebe, wieder mit den Fingern zu essen? Die, die immer öfter
auf Besteck verzichten, empfinden das meist als eine Art
Freiheit, ein Stück Unmittelbarkeit, Ungezwungenheit und
Natürlichkeit. Mehr oder weniger bewusst erinnert das Essen mit
den Fingern an die Kindheit, symbolisch genommen auch an die
Kindheit der Menschheit, als noch nicht die Kultur so eindeutig
die Natur beherrschte. Die Psychologie interpretiert das als
Sehnsucht nach einem einfacheren Leben.
|