Ausgerechnet in die
Zeit des Biedermeiers fiel eine Erfindung, die so gar nicht in
diese Zeit passte. Die Eisenbahn, als die erste Maschine die
scheinbar mit eigener Kraft fuhr, war in jenen Tagen eine
ähnlich revolutionäre Neuerung, wie in unseren Tagen die erste
Mondlandung. Zum ersten Mal konnte man in kurzer Zeit Strecken
zurücklegen, für die vorher Tagesreisen erforderlich waren.
Eines konnte die Eisenbahn jedoch nicht überwinden, - das
Gebirge!
Die Semmeringbahn war nicht die
erste Gebirgsbahn, wohl war sie aber die erste Hochgebirgsstrecke Europas. Sie
überwindet eine für damalige Verhältnisse unerhörte Höhendifferenz von 457
Metern und erreicht eine Seehöhe von 896 Metern. Die Strecke ist 41,8 Kilometer
lang hat 15 Tunnels und 16 große Viadukte aus Stein. 1,4 Millionen qm Fels
mussten gesprengt, und ebensoviel behauene Steine verarbeitet werden.
Zunächst vernimmt
man nur ein leichtes Dröhnen, das aus dem Inneren der sanften,
dicht bewaldeten Berghügel am Rande der nördlichen Kalkalpen zu
kommen scheint. Allmählich erfüllt ein gewaltiges Brausen die
ganze Gebirgslandschaft am Semmeringpass. Kaum hat der
Betrachter das rote Stahlross und seine Waggons wahrgenommen,
wird der Zug blitzschnell von einem Tunnel geschluckt. In seiner
vollen Länge zeigt sich die Eisenbahn erst auf einem
zweistöckigen Viadukt, das den Schwindel erregenden Abgrund der
"Kalten Rinne" mit kühnen Bögen überwindet. Der gefährlich stark
gekrümmten Trasse folgend, windet sich die Eisenbahn auf dem
Aquädukt wie ein stählerner Lindwurm an der zerklüfteten
Polleroswand vorbei zum nächsten Tunnel.
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Im Hintergrund
erheben sich die Ausläufer des Kreuzberges, der in das
schneebedeckte Bergmassiv der Rax übergeht. Als die
Semmeringbahn 1854 ihre Jungfernfahrt erfolgreich bewältigt
hatte, konnte die Donaumonarchie gleich mehrere Rekorde feiern:
Österreich besaß Europas erste Gebirgsbahn mit dem
höchstgelegenen Bahnhof und dem längsten Tunnel der
Eisenbahngeschichte. Es gab damals keine andere Bahn, die einen
Höhenunterschied von fast 1.000 Metern bewältigen konnte.
Auf einer
Gesamtlänge von 41 Kilometern verlief die in weiten Schleifen
angelegte Trasse bis zum Scheitelpunkt. Nur sechs Jahre waren
nötig, um das kühne Projekt abzuschließen. Mussten bis dahin
Waren auf der alten Venedigerstraße mit Pferdefuhrwerken
mühselig über den Pass geschafft werden, konnte man sie von da
an mit der Bahn von Niederösterreich aus in die Steiermark
transportieren. Die dreitägige Reise von Wien über den Pass
schrumpfte schlagartig auf drei Stunden.
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Als das
ehrgeizige Projekt vorbereitet wurde, behauptete Österreich eine
führende Rolle auf dem Gebiet des Eisenbahnwesens. Zu den
fähigsten Köpfen zählte der Vermessungsingenieur und
Mathematiker Carlo Ghega, der als Venezianer damals
österreichischer Bürger war. Sowohl Venezien als auch die
Lombardei gehörten zur Donaumonarchie, die sich anschickte, zur
viertgrößten Weltmacht aufzusteigen. Ghega erhielt den Auftrag,
die Semmeringbahn zu bauen. Sie sollte Wien mit Triest, dem
einzigen Mittelmeerhafen der Monarchie, verbinden.
"Durch die Eisenbahn verschwinden die Distanzen, die materiellen
Interessen werden gefördert, die Kultur gehoben und verbreitet",
lautet das Credo des weitgereisten Positivisten Ghega, der
anfänglich einen schweren Stand hatte.
Denn seine
Gegner, die in der österreichischen Ingenieursvereinigung
zusammengeschlossen waren, bezeichneten Ghegas Projekt als
technisch unmöglich. Keine Dampflokomotive sei der enormen
Steigung gewachsen, argumentierten sie und warfen ihm vor,
unnötig Geld zu verschleudern. Da der Venezianer unbeirrt an
seinen Planungen festhält, beschimpfen ihn seine Kontrahenten
bald als größenwahnsinnig und entwickeln eine Gegenvariante. So
schlagen sie allen Ernstes vor, von der Ortschaft Schottwien aus
die Waggons einzeln per Seilbahn auf die Passhöhe zu ziehen und
sie erst dort an talwärts fahrende Loks anzukoppeln.
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Karl Ghega, der
seinen Vornamen inzwischen eingedeutscht hat, tritt mit aller
Entschiedenheit die Flucht nach vorne an. Er setzt durch, dass
die Regierung ein Preisausschreiben für den Bau einer stärkeren
Lokomotive veranstaltet. Der Ingenieur benötigt dringend ein
Modell, das Steigungen von bis zu 2,5 Prozent bewältigen kann.
Die neuentwickelte "Bavaria" der Münchner Maffei-Fabrik erzielt
schließlich fast das Doppelte der vorgeschriebenen Leistung. Als
die Kritik an Ghega allmählich vorsichtiger formuliert wird,
können die Arbeiten beginnen. Aus gutem Grund wählte man hierfür
das Schicksalsjahr 1848. Überall im Habsburgerreich herrschte
revolutionäre Stimmung, für den Bau der neuen Bahn ließ sich ein
Teil der aufgebrachten Arbeiter aus den städtischen Zentren
abziehen und konnte längere Zeit beschäftigt werden.
In kürzester Zeit
rekrutiert man rund 20.000 Taglöhner, die das gebirgige
Semmeringgebiet, in dem kaum 2.000 Waldbauern mit ihren Familien
eine ärmliche Existenz fristen, in Europas größte Baustelle
verwandeln. So oft wie möglich dem natürlichen Geländeverlauf
folgend, verzichtet der Ingenieur auf Dämme und künstliche
Trassen.
Tatsächlich leisten die Techniker in vielfacher Hinsicht eine
bemerkenswerte Pionierarbeit. So ersinnen sie eigens für den Bau
der Semmeringbahn neue Messinstrumente. Tunnels lässt er mit
Schwarzpulver in den Berg sprengen, Dynamit war damals noch
nicht erfunden. Auf diese Weise wurden annähernd 1,4 Millionen
Kubikmeter Fels gesprengt, es diente als Baumaterial. Böhmische
Steinklopfer verarbeiten die Grauwacke an Ort und Stelle zu
Quadern, die Maurer aus Italien für die Aquädukte, Tunnels und
Bahnwärterhäuser benötigen.
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Stahl und Eisen
lehnt Ghega entschieden ab. Da es keinen Lehm gibt, müssen die
Ziegel auf eigens angelegten Straßen herantransportiert werden.
Arbeitsunfälle und Seuchen kosten im Laufe der Jahre rund 1.000
Hilfskräften das Leben. Eine schlichte Gedenktafel erinnert auf
dem Friedhof von Klamm/Schottwien an die Opfer. Die
einheimischen Pachtbauern, die sich mit Rüben, Gerste und etwas
Viehwirtschaft über Wasser halten, erleben den Bahnbau als nicht
endenden Alptraum: Neben ihren bescheidenen Holzhäusern heben
die Taglöhner gigantische Gruben aus und pumpen das Wasser ab.
Dann füllen sie die Krater mit Steinen für die Fundamente der
oft zweistöckigen Aquädukte. Schließlich beginnen die Arbeiten
an den gewaltigen Bogenreihen, die im Geschmack der
Spätklassizistik verziert werden. Als die ersten Waggons von
Dampflokomotiven über die Trassen gezogen werden, sieht man den
Leibhaftigen am Werk. "Kreuz Gottes, die haben ja ganze Häuser
drauf", beschreibt der steirische Dichter Peter Rosegger die
Reaktion seines Patenonkels.
Dafür zeigen sich
Adel und Großbürgertum entzückt: Weil Ghega, der für seine
Leistung zum Ritter geschlagen wurde, seine Bahn harmonisch in
die natürliche Umgebung hineinkomponiert hatte, boten sich den
Zugreisenden wie in einem Theater ständig wechselnde Ausblicke
auf eine der reizvollsten Gebirgslandschaften Mitteleuropas. "An
gähnenden Schlünden vorbei, durch ungeheure Tunnels, über hoch
schwebenden Brücken, auf Felsgalerien . . . wir steigen und
steigen, winden uns unterirdisch und krümmen uns auf
Felsgipfeln", vermerkte ein faszinierter Zeitgenosse in seinem
auf das Jahr 1873 datierten Reisebericht.
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Man verspürt noch
heute den hohen Respekt der Bauplaner vor der Natur. Mit größter
Vorsicht planten sie die Trassierung und achteten stets darauf,
ihre Schöpfung harmonisch in das Gebirgsgelände einzufügen.
Bezeichnet Karl Ritter von Ghega, der 1860 in Wien starb, den
Semmering noch nüchtern als "Gegend", benützte die Nachwelt
bereits den Begriff "Landschaft", die romantisch verklärt wurde.
Mit vorher nicht gekannter Geschwindigkeit erlebten die Menschen
diese Landschaft als Abfolge natürlicher Theaterkulissen. Dank
Eisenbahn entwickelte sich das Dorf Semmering, das nur aus
wenigen Gasthöfen bestand, zum ersten planmäßig gegründeten
Ferienort Europas.
Durch den Bau der
Semmeringbahn wurde die Semmeringlandschaft touristisch
erschlossen. Schriftsteller, Künstler und Maler genossen in der
Sommerfrische die kühle Bergluft, wohlhabende Zeitgenossen
leisteten sich auf dem Semmering Villen und Märchenschlösser
nach dem Geschmack des Historismus und des Jugendstils. Dort
erholten sich Oskar Kokoschka, Adolf Loos und Karl Kraus.
Zahlreiche Hotelbauten und Villen sind Zeugen dieser Epoche.
Dieser enorme Aufschwung zur Jahrhundertwende und die Aufwertung
der Region als Wintersportgebiet im ersten Drittel des 20.
Jahrhunderts wurden zunächst durch die Kriegszeit und später
durch die veränderten Urlaubsbedürfnisse unterbrochen. Nicht
zuletzt dadurch konnte diese einzigartige Kulturlandschaft
unverändert erhalten werden. Eine Fahrt mit der Semmeringbahn,
deren Trasse 150 Jahre nach ihrem Bau immer noch funktioniert,
gestaltet sich auch heute noch mit ihrer abwechslungsreichen
Landschaft, den typischen Villenbauten und der
charakteristischen Abfolge von Viadukten und Tunnelbauten als
besonderes Erlebnis.
Weitere
Informationen:
Gemeinde Semmering
2680 Semmering 32d
Telefon: +43 (0)2664-2326
erichkodym@aon.at
www.semmeringbahn.at
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