Die Fiaker
sind aus dem Stadtbild Wiens nicht wegzudenken - sie sind eine Attraktion für
Einheimische und Touristen. Wie könnte man die alte Habsburger-Metropole denn
schöner erkunden als standesgemäß in einem herrschaftlichen Gespann. Die Fiaker
gehören zu Wien wie die Gondeln zu Venedig.
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Man schrieb ungefähr das Jahr 670, da
gründete in Frankreich ein irischer Einsiedler namens Fiacrius das Kloster
Breuil Meaux. Später wurde er heilig gesprochen und viel später in Paris eine
Kirche, die Eglise de Saint Fiacre, sowie die dazugehörige Straße nach ihm
benannt. In dieser Rue de Fiacre existierte vor einem Gasthaus eine bildliche
Darstellung des Mannes. Und hier beginnt die Gesichte der Wiener Fiaker, denn in
dieser Pariser Straße vermietet Nicolas Souvage um 1650 erstmals Lohnwagen mit
Kutschern. Weil er dort so rumsteht, der alte Fiacrius, erhält der 1000jährige
Heilige bald das himmlische Patronat über den neuen Berufsstand. Die Idee der
Pariser Lohnkutscher wurde in Wien vor ca. 300 Jahren übernommen - und gegen
1720 bürgerte sich auch der Name "Fiaker" sowohl für Wagen und Gespann als auch
für den Kutscher ein.
1693 erteilte der Kaiser die Lizenz für die erste Wiener "Lohnkutsche".
Es handelte sich dabei um unkomfortable, ungefederte und schwer lenkbare
zweispännige Kutschen, deren größte Konkurrenz vorerst die Sesselträger waren.
Vier Jahre zuvor, 1698, war dem Kammerdiener des Grafen Kaunitz, Michael de la
Place, von Leopold I. das Privileg verliehen worden, Tragsessel samt livrierte
Träger zu vermieten, eine Idee, die ebenfalls aus Paris stammte. Doch de la
Place fehlte der nötige Geschäftssinn, um seinen "Portechaises"-Service lukrativ
zu gestalten. Sein Nachfolger, Ernst Rauchmüller, war geschickter. Er verdiente
sich mit seinen Sänften nicht nur eine goldene Nase, sondern auch ein schönes
Haus am Neuen Markt. 1781 wurde die Haltung von Tragsesseln freigegeben. Zu
dieser Zeit gab es in Wien über 100 Tragsessel, die sich auf sechs fixe
Standplätze im htg. 1. Bezirk verteilten und die nur in diesem Bereich Personen
befördern durften. (1888 stellte das letzte derartige Unternehmen den Betrieb
ein.)
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Zwar hatten die Fiaker anfangs gegen den Tragsesseln den Vorteil, dass sie über
die Grenzen der Ringmauer hinausfahren durften, sie waren jedoch viel teurer als
die Sänften, da die Pferdehaltung ins Geld ging. Ihr Nachteil war, dass der
Komfort schwer zu wünschen übrig ließ. So war es nicht verwunderlich, dass das
Geschäft der ersten Fiaker schleppend ging. Erst als die Entwicklung des
Wagenbaus voranschritt - verbesserte Lenksysteme, die Federung des Engländers
Henry Mill - steigerten sich auch die Umsatzzahlen der Lohnkutscher. Die von den
Sesselträgern aufgebrachte Einladung "Trag' ma, Euer Gnaden?" wurde von den
Kutschern in "Fahr' ma, Euer Gnaden" abgewandelt und immer öfter vom Fußgeher
angenommen.
1702 wurde eine Lohnkutschenverordnung erlassen, die das Geschäft
der Fiaker einschränkte. Die bereits von Anfang an geforderten polizeilichen
Auflagen legten fest, dass die Wagen nummeriert werden mussten und die Kutscher
fixe Preise zu verlangen hatten. Das Schlimmste aber war, dass es den Fiakern
verboten wurde, Fuhren weiter als vier Meilen außerhalb des Linienwalls zu
übernehmen sowie, wie es bisher üblich war, auf der Freyung auf Kundschaft zu
warten. Sie mussten zu Hause bleiben, bis eine Fuhre von ihnen verlangt wurde.
Dieses umgingen sie durch "Stapeln", wie sie das langsame Herumfahren auf der
Suche nach Fahrgästen nannten. Das Stapeln kam auch nicht aus der Mode, als den
Fiakern 1785 einige fixe Standplätze zugewiesen wurden.
Ein steter Dorn im Auge der Obrigkeit war, dass die Fiaker sehr schnell fuhren -
wollten sie doch dem Fahrgast beweisen, dass sie schneller als die Sesselträger
waren und dadurch der höhere Fahrpreis gerechtfertigt war. So kamen sie aber
permanent den Herrschaftskutschen und Privatequipagen des Adels ins Gehege, die
nach ungeschriebenem Gesetz Vorfahrt hatten. Weiters wurden bei den
halsbrecherischen Fahrten immer wieder Häuserecken beschädigt, was im 18. Jhdt.
dazu führte, dass vor besonders exponierten Häuserecken niedrige, abgerundete
Ecksteine gesetzt wurden.
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Erblickt heutzutage jemand einen Straßenkehrer in Wien, vermutet er kaum, dass
die Fiaker die Auslöser für diese städtische Dienstleistung waren. In den noch
weitgehend ungepflasterten Straßen und Gassen war es damals üblich, den Unrat
einfach vor die Tür zu schütten. Fiaker, Lohnkutscher und Einspänner gab es
immer mehr - und damit stieg auch die Straßenverschmutzung und
Geruchsbelästigung durch die Ausscheidungen der Pferde. Am 12. Dezember 1738
wurde deshalb mit kaiserlichem Patent angeordnet, dass alle Hauseigentümer und
Gewölbeinhaber - auch die in den Vorstädten - regelmäßig den Unrat der Straße
vor ihren Häusern bzw. Gewölben zusammenzukehren hatten, damit der einmal pro
Woche vorbeikommende Wagen des städtischen Unterkammeramtes den Unrat
wegschaffen könnte. Aber die Wiener spielten ... äh, kehren ... nicht mit. Nach
einigen Jahren entschlossen sich die Stadtväter dazu, eigene Straßenkehrer in
Dienst zu nehmen.
1785 freuten sich die Fiaker, denn man gestatte ihnen endlich, auf
zwei "offiziellen" Standplätzen Fahrgäste anzuheuern. Das änderte jedoch
nichts am harten Konkurrenzkampf. Die Fiaker hatten ihr eigenes
Standesbewusstsein entwickelt, trafen einander in eigenen Stammlokalen, hatten
ihre eigene Innung und hielten zusammen. Die täglichen Auseinandersetzungen mit
fremden Landkutschern, mit Sesselträgern und den eigentlich nur außerhalb der
Ringmauer fahrenden Zeiselwagen-Kutschern, endeten auch oft in
Handgreiflichkeiten. 1788 zählte man in Wien 648 Fiaker und fast 300 nicht
nummerierte Stadtlohnwagen, während zu dieser Zeit die Zahl der Privatkutschen
und Equipagen bereits abnahm. Eine besondere Konkurrenz waren die eleganten,
viersitzigen geschlossenen Janschky-Wagen, die mit livriertem Kutscher angeboten
wurden. Besonders hochgestellte Persönlichkeiten und Adelige bevorzugten diese
Wagen ohne Nummer und Aufschrift bei dezenten Rendezvous. Josef Janschky hatte
ca. 100 Pferde. Seine Wagen musste man allerdings einige Tage vorher bestellen.
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Ab dem 22. Juli 1800 galt die neue Fiakerordnung, die die Ausübung
des Berufs neu regelte und die Nummern auf 656 beschränkte, was zum verstärkten
Aufkommen der billigeren unnummerierten Lohnkutschen führte. Erst am 22.
April 1824 wurde das "4-Meilen-Verbot" aufgehoben, gleichzeitig aber
einige neue Verbote kundgetan. Bei Nacht leuchteten sich die Kutscher mit einer
Fackel den Weg aus. Diese musste nun wegen der Brandgefahr vor Ortschaften und
in Wäldern gelöscht werden. Außerdem wurde es ihnen untersagt, an Häuserecken
mit der Fackel gegen die Hauswand zu schlagen, dass die Funken stoben, um auf
sich aufmerksam zu machen. Bei Zuwiderhandeln drohte den Kutschern körperliche
Züchtigung, die Konfiszierung von Pferd und Wagen, eine Geldstrafe oder Arrest.
Technische Neuerungen fanden bei den Wienern schon immer reges Interesse,
besonders, wenn sie dem "Gaudi" dienten. Ihren praktischen Nutzen verkannten sie
bei der Schienen-Bahn (1840) genauso wie dem Dampfmobil (1834). Deshalb hing
Wien bei modernen Verkehrsmitteln anderen Großstädten stets nach. In London fuhr
bereits drei Jahre die U-Bahn, als in Wien gerade einmal die Pferdetramway
eingeführt wurde.
Obwohl es 1859 durch die Aufhebung der zahlenmäßigen Beschränkung über
1.000 Fiaker gab, gingen Bürger und Dienstboten lieber zu Fuß, woran auch die
Einführung der Pferdetramway 1865 nichts änderte. Für eine Fahrt, die nur wenige
Kilometer dauerte, zahlte man im Jahr 1875 10 - 12 Kreuzer, was 1 kg Brot oder
fast dem doppelten Stundenlohn eines Arbeiters entsprach.
Damals lebten in Wien ca. 700.000 Menschen. Neben der 10 Jahre alten
Pferdetramway gab es 1.149 Fiaker, 1.352 Einspänner, 890 Stellwagen und 174
Stadtlohnwagen, wobei die Tramway bereits einen Anteil von 60 % am täglichen
Personenverkehr zu verzeichnen hatte. Die Kutscher waren oft stadtbekannte Originale, die teilweise auch als
Natursänger oder Kunstpfeifer öffentlich auftraten. Berühmt waren der
alljährliche Fiaker-Ball (am Aschermittwoch) und die Sängerin "Fiakermilli",
die R. Strauss in der Oper "Arabella" verewigte.
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Ab 1903 begann die Verdrängung der Kutschen durch die Automobile in allen
Bereichen. Ob ein Fahrzeug durch Pferde oder einen Motor bewegt wurde, war den
Stadtvätern vorerst egal, also sattelte manch Fiaker auf ein Gefährt mit mehr PS
um. Straßenrennen fanden nun mit Automobilen statt und sogar für den
traditionellen Blumenkorso in der Hauptallee im Prater wurden 1925 erstmals
Autos geschmückt.
Als der 2. Weltkrieg vorbei war, gab es keine Pferde in Wien. Doch das
Fiakergewerbe erholte sich langsam. Die Geschäfte gingen allerdings schlecht,
denn die Wiener benutzten lieber die billigere "Bim". Wer Geld genug für eine
Fiakerfahrt hatte, nahm lieber das schnellere Taxi. Die romantischen Amerikaner
der Besatzungsmacht waren die ersten Fahrgäste, die die Wiener Fiaker vor dem
endgültigen Ende bewahrten. Danach kamen auch wieder vermehrt Touristen ins
Land. 1936 trabten 25 Zeugeln durch Wien, 1967 waren es 32 und 1991 gab es 46,
wobei noch weitere 34 Konzessionen vergeben waren, die jedoch nicht genutzt
wurden.
Vom Personentransport zur Touristenattraktion umfunktioniert, dürfen Fiaker
heute jedoch nicht in den Fußgängerzonen fahren und ihre Standplätze wurden
drastisch auf eine handvoll reduziert. Des Weiteren wurde eine neue
Kleiderordnung eingeführt, da schon die Turnschuhe auf den Kutschböcken Einzug
gehalten hatten, was den "g'standenen" Fiakern ein Dorn im Auge war. Doch sie
schaffen es immer wieder, sich gegen die Angriffe der Tierschützer, die
Verordnungen der Obrigkeit und der Flaute in den Geldbörsen der Menschen zu
behaupten. So werden werden sie sich auch in den nächsten Jahren von all den
Widrigkeiten sicher nicht unterkriegen lassen und weiterhin rufen:
"Fahr' ma, Euer Gnaden"
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