Schon der Name
"Kaffeehaus" macht deutlich, dass dieser Lokaltyp eigens für den
Ausschank von Kaffee bestimmt war. Dass man später auch Tee und
Schokolade dort anbot, unterstreicht den nichtalkoholischen
Anspruch dieser Institution, die sich in allem als Gegenbild der
damals weit verbreiteten Schänke verstand. Viele Kaffeehäuser
entwickelten sich schon im 17. Jahrhundert zu Treffpunkten, an
denen Nachrichten unterschiedlichster Art ausgetauscht wurden.
Sie erfüllten wichtige soziale und ökonomische Funktionen, die
im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts in Form von Lesekabinetten
und Zeitungscafés ausgeweitet und verfeinert wurden.
 |
Verkehrte die
gehobene Gesellschaft anfänglich kaum in Kaffeehäusern, änderte
sich das zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als die Cafés in
luxuriöse Bauten einzogen und ein adäquates Umfeld boten. In
London und Paris war es bald nichts Ungewöhnliches, dass jemand
als Ort, wo er sicher zu erreichen war, sein Stammkaffeehaus
angab. Der tägliche Gang dahin war selbstverständlich. Obwohl
dieser Institution viele ihrer wohlklingenden Namen verloren
gegangen sind und viele die Meinung vertreten, dass das
Kaffeehaus im Sterben liege, gibt es sie noch, die richtigen
Kaffeehäuser.
Die Anfänge in Europa
Mit
der Verbreitung des Kaffees auch in weiten Teilen Arabiens,
entstanden ab 1550 an fast allen Stationen der Karawanenwege so
genannte "Mokeijas" - Kaffeehäuser, in denen man nicht nur
Kaffee trinken konnte. Sie waren zugleich auch Unterkunft für
Pilger und Reisende. Gegen Ende des 16. Jh. waren die
Kaffeestuben über die gesamte arabische Halbinsel verbreitet.
Nach
der Eroberung Ägyptens durch die Türken kam der Kaffee nach
Konstantinopel. 1554 wurde hier von Schems und Hekin das
erste Kaffeehaus errichtet, dem bald weitere folgten. Leute von
Stand, meist Kadis, Derwische, Literaten, Studenten, Muderis und
Offiziere, die bei gelehrten Gesprächen und Spielen
zusammenfanden, waren die Gäste dieser Häuser.
 |
Nach Venedig, und damit
auch erstmals nach Europa, kam der Kaffee 1626,
einige Jahre später als der Tee, der erstmals 1610 dort verkauft
wurde, und viele Jahre später als der Kakao, den die Spanier
bereits 1528 aus der Neuen Welt mitgebracht hatten. Unter den
Arkaden der Prokuratoryen entstand 1647 das erste europäische
Kaffeehaus. Trotz seiner dürftigen Einrichtung war es stark
besucht und bald folgten weitere Stätten des Kaffeegenusses,
darunter das "Quadri" und das "Florian". Goldoni, Gozzi und
Casanova haben das Leben in diesen Kaffeehäusern geschildert und
auch Montesquieu und Rousseau waren begeistert von ihrer
kosmopolitischen Atmosphäre.
 |
England war gerade ein Jahr Commonwealth, als in Oxford der
türkische Einwanderer Jacob 1650 sein "Angel Coffeehouse"
eröffnete. Zwei Jahre später entstand in London das erste
Kaffeehaus und der Brauch, ins Kaffeehaus zu gehen, bürgerte
sich derart rasch ein, dass man 1770 in London bereits 3000
Kaffeehäuser zählte. Am bekanntesten ist das "Lloyds Coffeehouse"
geworden, das 1687 in der Tower Street eröffnet würde. Es
entwickelte sich zum Treffpunkt für Kapitäne, Schiffseigner,
Kaufleute und Versicherungsagenten, die hier Nachrichten über
alle wichtigen politischen und merkantilen Gegebenheiten
austauschten.
Für Frankreich ist verbürgt, dass um 1654 Kaufleute aus der
Levante ein Kaffeegeschäft eröffneten, das mit einer
Kaffeeschenke verbunden war. Das erste Kaffeehaus in Paris wurde
1674 vom Armenier Pascal auf dem Quai de L'École, den heutigen
Quai de Louvre, gegründet. Zwei Jahre später eröffnete ein
anderer Orientale, Maliban, ein Kaffeehaus in der Rue de Buci.
Gesellschaftsfähig wurden die Kaffeehäuser durch Francesco
Procopio Cultelli. Er gründete 1689 in Paris das "Café Procope".
Die verschwenderische Ausstattung erregte in ganz Europa
Aufsehen und blieb mit seinen Spiegeln, Kristalllüstern,
Tapissereien und Marmortischen über Jahrhunderte hinweg Vorbild
für die Kaffeehäuser Europas.
 |
Das erste deutsche Kaffeehaus wurde 1677 an der Zollbrücke
in Hamburg gegründet. 1686 folgte Regensburg und 1689 Frankfurt,
wo Jacob Thomas unweit des Römers eine Kaffeeschenke eröffnet.
In Leipzig hatte der allgemeine Wohlstand eine positive
Auswirkung auf das kulturelle und gesellige Leben, so dass
Johann Lehmann es 1694 wagte, in der Fleischergasse ein
Kaffeehaus zu eröffnen - das später berühmt gewordene Kaffeehaus
"Zum Arabischen Coffeebaum". Münchens ältestes Kaffeehaus befand
sich in der Schrammergasse und wurde 1699 vom Hofzuckerbäcker
Claudius Surat gegründet. In Berlin, wo der Hof dank seiner
Beziehungen zu Holland schon 1680 die Bekanntschaft mit Kaffee
gemacht hatte, waren Cafés aber erst ab 1711 üblich. Anders als
in Frankreich und England waren die ersten Kaffeehäuser aber
weder kulturelle noch politische Stätten, sondern hatten im
Vergleich mit London und Paris, ein ausgesprochen
spießbürgerliches Gepräge.
Die Stadt Wien verdankt ihre Kaffeehauskultur den
kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Türken.
Zur
Geschichte lässt sich sagen, dass sie mit einer Legende beginnt:
Man schreibt den 12. August 1683. Die Türken greifen mit aller
Vehemenz die Stadt Wien an. Die heldenhaften Wiener unter der
Führung Graf Starhembergs können den Ansturm noch einmal
abwehren. Doch mit einem Schlag ist deutlich geworden, wie
gefährlich die Lage der umzingelten Stadt ist. Man braucht
Hilfe. Es wird ein Wiener Namens Georg Franz Kolschitzky
auserkoren, als Bote Hilfe von Karl von Lothringen zu erbitten.
Dieser war es, der zusammen mit Polenkönig Jan Sobjesky, die
Türken tatsächlich vertrieb. Als Dank für seine Leistungen
richtete Kolschitzky an die Stadtväter, die ihn nach einer
Belohnung fragten, einen anscheinend bescheidenen Wunsch: Er
wünschte sich, die zurückgelassenen Kaffeesäcke aus dem
Heereslager der Türken und ein Haus, wo er als erster Wiener dem
Berufe des Kaffeesiedens nachgehen konnte. Dieses war das Haus
zur blauen Flasche. Er röstete die grünlichen, unansehnlichen
Bohnen, mahlte sie und goss kochendes Wasser darüber. So
entstand ein Getränk - Kaffee genannt. Diesen Kaffee schenkte er
zunächst mit mäßigem Erfolg aus, denn den Wienern schmeckte
dieses bittere schwarzen Gesöff nicht. Durch ein Missgeschick
gelangte eines Tages Zucker in die schwarze Brühe. Genau das
fehlte dem Getränk. Ein paar weitere Experimente, etwas Milch in
die Brühe, die Wiener Melange war geboren.
Die Wahrheit ist
nüchterner. Erstens war Kolschitzky nicht der erste Kaffeesieder
und zweitens war er nur ein kleiner Kundschafter wie dutzende
andere Kuriere. Der Einfachheit halber wurde er zur Symbolfigur
der Kaffeesieder hochstilisiert, denn zur Entstehung der
Kaffeehaustradition hat eine ganze Reihe von Persönlichkeiten
beigetragen, deren Leistung einzig und allein Herrn Kolschitzky
zugeschrieben wurden z. B. der Armenier Johannes Diodato auch
Deodat genannt, dem für seine Verdienste als Kundschafter das
Monopol der ersten Kaffeeausschank gleich für volle 20 Jahre
verliehen wurde. Das Glück währte nicht sehr lange, denn bei der
Belagerung Belgrads durch Prinz Eugen wollte sich der Listreiche
wieder Lorbeeren als Kundschafter verdienen, wurde jedoch in
eine Intrige verwickelt und als Doppelspion angeklagt. Er konnte
sich nur mit Mühe und Not rehabilitieren. Auf diese Gelegenheit
hatten vier andere Armenier nur gewartet. Isaak de Luca, Joseph
Devich, Andre Ben und Philip Rudolph Perg bekamen ebenfalls im
Jahre 1700, während der Regentschaft Kaiser Leopolds, die
Konzession zur Kaffeeausschank. Zug um Zug ging es weiter. Im
Jahr 1714 gab es bereits 11 konzessionierte Kaffeesieder in
Wien.
Eine
Visitationskommision der Stadt München schloss zu Beginn des 19.
Jahrhunderts ihre Beurteilung eines Cafés mit den Worten:
"Höchst schofle Anstalt". Sie dürfte mit ihrer Charakterisierung
den Zustand der damaligen Kaffeehäuser annähernd genau
beschrieben haben, denn bis auf wenige Ausnahmen waren die
Lokale noch weit davon entfernt, den Wünschen einer
anspruchsvollen Kundschaft gerecht zu werden.
Anders hingegen in den sogenannten "großen Kaffeehäusern", in
denen die feine Gesellschaft verkehrte. Hier hatte bereits 1689
Francesco Procopio Cultelli Maßstäbe gesetzt, als er in Paris
sein "Café Procope" eröffnete. Mit Spiegeln, Kristalllüstern,
Tapisserien und Marmortischen schuf er eine Atmosphäre der
Eleganz, die Vorbild für das Interieur anderer europäischer
Kaffeehäuser wurde.
In
Berlin glänzte das "Café Fuchs" im luxuriösem Empirestil mit
grünlich polierten Türen, auf Glas gemalten Friesen und
geschmückten Säulen. Ebenso vornehm war das "Café Inglese" in
Rom, das noch zu Beginn des 19. Jh. auf der Piazza di Spagna
stand. Gemälde im ägyptischen Stil, die Giambattista Piranesi
entworfen hatte, schmückten die Wände des Caféraumes.
Verschwenderische Ausstattung auch in Wien. Ein Chronist
beschrieb das "Café Leibenfrost" als einen von weitarmigen
Lüstern erhellten, luftigen Raum mit herrlichen Gipsabdrücken,
die an der Rückwand des Kaffeehauses prangen, mit zierlich
geformten Kanapees und überall höchster Feinheit in Anordnung
und Ausführung.
Als
nach 1800 das Reisen immer populärer wurde, brach das Zeitalter
der monumentalen Hotelbauten an, die von Anfang an neben
Spielzimmern und Restaurants fast obligatorisch auch ein Café
anboten. Das 1872 gegründete Pariser "Café de la Paix" wird bis
heute als Hotelcafé geführt, ebenso wie das Amsterdamer "Café
Americain" oder das "Poolsche Koffiehuis", das sich im
Wintergarten des Amsterdamer "Hotel Krasnapolsky" befindet.
Richtungsweisende Impulse für die Kaffeehausarchitektur brachte
auch die Weltausstellung von 1873. Noch größer und höher wurden
die Kaffeeräume gebaut und malerisch dekoriert, sie wurden zu
verschwenderischen Feenpalästen. Als Sensation jener Jahre galt
das 1888 eröffnete Münchner "Café Luitpold", das sich als
vornehmstes Etablissement Deutschlands anpries. Ausgestattet mit
elektrischer Beleuchtung, Palmengarten und zahlreichen
Geschäftslogen bot es mehr als 1200 Gästen Platz. Ähnlich
imposant das 1893 eröffnete Münchner "Café Prinzregent", das in
seinem größeren Teil eine genaue Kopie des Spiegelsaals von
Herrenchiemsee darstellte. Künstlerisch ausgestattet zeigte sich
auch das Frankfurter "Café Bauer", für das Hans Thoma mehrere
Wandgemälde gestaltete.
 |
Bis
zur Jahrhundertwende stiegen in den Kaffeehäusern Luxus und
äußerer Aufwand, manche bedauerten den Verfall der Intimität und
Behaglichkeit der Kaffeehäuser. Selbst Originalität brachte das
persönliche Fluidum nicht in die Kaffeehäuser zurück. Im
Straßenbild machten die Kaffeehäuser durch kunstvoll gestaltete
Schilder auf sich aufmerksam. Türken- und Mohrenköpfe,
Kakaobäume und Messing-Kaffeekannen waren besonders beliebt. In
Wien sah man neben dem favorisierten hockenden Türken auch
Blechschilder in Form eines Marqueurs mit seinem Serviertablett.
Eine
besondere Form stellten im 19. Jh. die Wintergärten dar. In
Anlehnung an die Orangerien des Adels waren diese Wintergärten
bereits 1780 in Berlin unter dem Begriff "Treibhaus-Cafés"
eingeführt worden und die Weltausstellung 1851, auf der Paxton
seinen Kristallpalast vorstellte lieferte die technischen
Grundlagen für eine Verbindung von Kaffeehaus und Glas. Viele
Pflanzen, breite Gänge und verschiedene kleine Sitzgruppen
bestimmten das Bild dieser Wintergärten. Um die hohen
Betriebskosten abzufangen veranstaltete man Konzerte, zeigte
Bühnenstücke und Revuen. Der Kaffeehauscharakter ging diesen
Etablissements dadurch bald verloren.
Im
18. und 19. Jh. nahmen zahlreiche politische Bewegungen von den
Kaffeehäusern aus ihren Lauf. Als Brutstätte revolutionärer
Ideen galt 1789 in Paris das "Palais Royal" In diesem Stammsitz
der Orléans, der neben 30 Spielhöllen und zahlreichen Bordellen
auch 6 Kaffeehäuser beherbergte, trafen sich die Intellektuellen
Frankreichs, die hier in Volksversammlungen den Sturz des Königs
forderten. Eine bedeutende Stellung nahm dabei das "Café de Foy"
ein - auch "Café des Patriots" genannt, in dem am 12. Juli 1789
Camille Desmoulins die Revolution ausrief.
Nach
der Hinrichtung Ludwig XVI. versammelten sich die Jakobiner im
"Café Caveau", von dem aus sie ihren Vorbereitungen für den
Maiaufstand in den Pariser Vororten trafen. Auch die Cafés "Cinet",
"Madelaine" und "Chrétien" wurden zu bevorzugten
Konspirationsherden der Jakobiner.
Europaweit wurden die Kaffeehäuser während der Ereignisse des
Jahren 1848 zu Foren der Politik. Im Wiener "Griensteidl" fielen
die liberalen Ideen auf einen sehr fruchtbaren Boden, so dass es
bald den Beinamen "Café National" bekam. In Deutschland
verkehrte die Opposition gegen den preußischen König im Berliner
"Café Stehely" am Gendarmenmarkt. Später trafen sich dort im
Lesekabinett Schriftsteller und Redakteure der
radikalpolitischen Partei. In Frankfurt war das "Café Milani"
1848 Treffpunkt der äußersten Rechten und aus Nürnberg ist das
"Café Rössel" als politisches Café überliefert.
Ob
Maler, Bildhauer, Schriftsteller oder Komponist - sie alle
zeigten sich in den Kaffeehäusern. Nährböden des Schaffens waren
sie für ihre Verfechter, dekadente Orte hoffnungsloser Bohemiens
für ihre Kritiker. Peter Altenberg, Anton Kuh oder Arthur
Schnitzler genossen hier ihren ersten Ruhm. Für sie war das
Kaffeehaus ein Lebensraum, der für kreative Arbeit unerlässlich
wurde.
In London ist das 1660 gegründete "Will's Coffeehouse"
untrennbar mit der Londoner Literaturszene verbunden. Hier
tagten 3 Vereinigungen - der "Grave Club", der "Rabble" und der
bedeutendste - der "Witty Club", in dem Schöngeister wie Swift,
Pope, Addison, Steele, Congreve und Dryden verkehrten. Während
Dryden in "Will's Coffeehouse" eine besondere Stellung einnahm,
gesellte sich Swift bald dem Kreis von Samuel Gart und Godfrey
Kneller im Londoner "Button's Coffeehouse" zu. Später
übersiedelte er in das "St. James Coffeehouse". Über seine
Besuche dort schrieb er in "Tagebuch an Stella" und vielen
Briefen. Anfang des 18. Jh. verloren die Londoner Künstlercafés
an Bedeutung. Viele von ihnen verschwanden oder wurden in
Privatklubs umgewandelt.
Das älteste Literatencafé Italiens ist das 1720 eröffnete
"Café Florian" in Venedig. In den mehr als 280 Jahren seines
Bestehens hat es nahezu alle Künstler und Schriftsteller der
Welt als Gäste gesehen. Goldoni und Rousseau gehörten zu seinen
Besuchern ebenso wie Goethe, Musset, George Sand und Balzac.
Tatsächlich übernahm das Florian ab der Mitte des 18. Jh.
journalistische Aufgaben, indem es die Nachrichten der "Gazetta"
aufbereitete und vertrieb. 1848 soll es sogar Schauplatz
blutiger revolutionärer Auseinandersetzungen gewesen sein.
 |
Nicht minder als Künstlercafé berühmt ist das "Greco" in Rom, in
dem Goethe, Tischbein, Benjamin Franklin, Washington Irving und
Felix Mendelssohn ebenso zu Gast waren wie Gogol, Rückert,
Rossini, Wagner, Schopenhauer, Sir Walter Scott, Hawthorne,
Stendhal, Henry James oder Baudelaire. Besonders deutsche
Künstler schätzten es sehr - viele von ihnen holten sich dort
Neuigkeiten und Nachrichten von zuhause ab oder erkundigten sich
dort nach römischen Freunden, so dass es sehr bald den Beinamen
"Café Tedesco" erhielt.
Unter den französischen Literatencafés nahm das "Procope"
eine führende Stellung ein. Als "Zeitung von Paris", die das
gesamte öffentliche Leben von Frankreich kritisch beleuchtete,
hatte es den Ruf einer der sensibelsten kulturellen Gradmessers
seiner Zeit zu sein. Im "Café Brébant" sammelte sich zu Beginn
des 19. Jh. die französischen Literaten unter Alexandre Dumas,
Sardou und den Gebrüdern Goncourt. Für eine Weile übernahm auch
das "Café Tortoni" die Rolle des literarischen Cafés. Hier traf
man Victor Hugo, Alphonse de Lamartin, Sophie Gay und Alexandre
Dumas, ehe Mitte des 19. Jh. das "Café de la Nouvelle Athènes"
das "Tortoni" ablöste.
Im "Nouvelle"
begegneten sich Künstler, die heute als Klassiker der modernen
Kunst gelten: Degas, Toulous-Lautrec, van Gogh, Gauguin, Cézanne
und natürlich Manet. Gaugin wurde dem "Nouvelle" als erster
untreu und übersiedelte ins "Café Voltaire", in dem Charles
Maurras seine symbolistischen Grundsätze verfocht und Rodin
seine kunsttheoretischen Ideen vorbrachte. Ihnen gesellte sich
auch Paul Verlaine hinzu, der bis dahin Stammgast des berühmten
"Vachette" war.
 |
Hatten sich Ende des 19. Jh. zahlreiche Künstlercafés am
Montmartre etabliert, folgte im 20. Jh. der Montparnasse als
Literaten- und Künstlerviertel. Wieder waren es Maler, diesmal
aus Deutschland und Skandinavien, die im "Café du Dôme" ihre
Lager aufschlugen. Zu den bekanntesten Künstlercafés der
Gegenwart dürfte das "Closerie des Lilas" gehören, die nicht nur
durch Hemingway, sondern auch durch Apollinaire und Oscar Wild
bekannt wurde. Apollinaire war es auch, der 1912 im "Café de
Flore" die literarische Zeitschrift "Les Soirées de Paris"
gründete. Für viele ist das "Café de Flore" das eigentliche
Zentrum der französischen Existenzialisten geworden. Sartre
arbeitete hier schon vor dem Krieg, Desnos, Prévert und
Léon-Paul Farque leisteten ihm Gesellschaft.
In Wien begründete das "Café Kramer" den Typ des
Literatencafés. Im Kramer verkehrte Ende des 18. Jh. u.a. Aloys
Blumauer, der Herausgeber des Wiener Musenalmanachs. Ein zweites
großes Künstlercafé war das "Neunersche Kaffeehaus", in dem sich
Grillparzer, Anastasius Grün, von Schwind und Lenau aufhielten.
Als Treffpunkt der Literaten des Vormärz war dieses Café
erheblich an den Ereignissen des Jahres 1848 beteiligt.
Obwohl in Wien um die Mitte des 19. Jh. zahlreiche kleinere
Künstler-Kaffeehäuser existierten, z.B. das "Adani" und das
"Bogner", in dem Franz Schubert, Bauernfeld, Mayrhofer,
Feuchtersleben oder Lachner zu den Stammgästen gehörten, konnte
keines mit dem "Griensteidl" konkurrieren. 1847 gegründet,
spielte es bereits ein Jahr später eine politische Rolle während
der Revolution, als sich hier die freisinnigen Denker Wiens
trafen. Ihnen folgten die Literaten Anzengruber, Schnitzler,
Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Richard Beer-Hofmann, Felix
Salten und vor allem Hermann Bahr, dessen Kreis dem "Griensteidl"
den Spitznamen "Café Größenwahn" einbrachte. Nachdem das Gebäude
am Michaelerplatz 1897 abgerissen worden war, wurde das "Café
Central", in dem Peter Altenberg, das Urbild des
Kaffeehausdichters residierte, zur neuen Heimat der Wiener
Literatur. Anton Kuh, Alfred Polgar, Egon Friedell und Egon
Erwin Kisch gesellten sich zu ihm. Nach dem Tod Altenbergs
verblasste der Ruhm des "Central" - die Literaten übersiedelten
ins "Café Herrenhof", zu dessen Runde als neue Autoren Leo
Perutz, Friedrich Thorberg und Karl Tschuppik stießen.
Als
Café der Maler galt das "Sperl" in der Gumpendorfer Straße,
dessen Marmortische oftmals mit Skizzen versehen wurden. Eines
der letzten großen Künstlercafés wurde das von Adolf Loos
erbaute "Café Museum". Neben Franz Werfel und Wagner verkehrten
hier vor allem die Vertreter der "Secession" wie Klimt oder
Olbrich mit ihren Künstlerfreunden.
Über die Tradition der literarischen Kaffeehäuser in Deutschland
schrieb Heinrich Heine nur, dass es sich im Hamburger
"Alsterpavillon" an den Sommernachmittagen gut sitzen lasse,
aber das alleine macht noch kein literarisches Kaffeehaus aus.
Im Norden Deutschlands verdrängte der Typ der Konditorei sehr
früh das eigentliche Kaffeehaus, wodurch eine eigene Atmosphäre
entstand, die Kunst kaum zuließ. Anders dagegen in Leipzig, wo
sich schon Ende des 17. Jh. ein anziehendes künstlerisches
Kaffeehausleben entwickelte.
Berühmt wurde hier der "Arabische Coffeebaum", der nicht nur von
Gellert und Lessing besucht wurde, sondern später auch von den
Davidsbündlern - jenem Kreis von Musikenthusiasten, dem auch
Schumann, Stegmayer, Ferdinand Böhme und Walter von Goethe
angehörten. In der 2. Hälfte des 18. Jh. gesellte sich dem
Coffeebaum das "Richtersche Kaffeehaus" hinzu, in dem neben
Christoph Gottsched auch Friedrich von Schiller verkehrte.
In
München etablierte sich von 1850 an das "Dengler" zum typischen
Künstlercafé. Schwind, Lachner, Schelling, Heyse und Pocci
verkehrten hier. Theodor Fontane genoss seinen Kaffee bei seinen
Besuchen an der Isar im "Luitpold", das am Neujahrstag 1888
seine prunkvollen Hallen eröffnet hatte. Karl Wolfskehl hatte
hier seine erste Begegnung mit Stefan George und auch die
Karrieren von Ludwig Ganghofer und Frank Wedekind nahmen im
Luitpold ihren Anfang.
Zum
Asyl vieler Schriftsteller und Maler wurde in den Jahren vor dem
Ersten Weltkrieg das "Café Stefanie", das, ähnlich dem
Griensteidl in Wien, zum Markenzeichen der Münchner Kultur
wurde. Künstler wie Arthur Holitscher, Kurt Martens, Hanns Heinz
Ewers, Eduard Graf von Keyserling und später dann Knut Hamsun,
gehörten zu den Stammgästen. Neben den Zugereisten wie Thomas
Mann, August Strindberg, Ricarda Huch, Paul Klee oder Alfred
Kubin fanden sich auch berühmte Zeichner der "Jugend" und des "Simplicissimus"
ein.
Zwar
hatte auch das "Café Rumpelmayer" in Frankfurt von 1919 bis 1933
den Ruf eines Künstlercafés - hier verkehrten Theaterkritiker,
Schauspieler und Regisseure - doch es erreichte nie den Glanz
der Münchner und Berliner Etablissements.
In der Schweiz wurde das 1919 in Zürich eröffnete "Grand
Café Odeon" nicht nur als Literatencafé, sondern auch als
Emigrantencafé berühmt. Somerset Maugham, der sich als Agent des
englischen Secret Service hier aufhielt, benutzte den Keller des
Cafés als Treffpunkt mit seinen Kontaktpersonen. Leo Trotzki
hielt sich hier ebenso auf wie Mussolini, der sich der
Verhaftung in Italien durch die Flucht nach Zürich entzogen
hatte. Genosse Uljanow veränderte später als Lenin die
Weltgeschichte. Er plante vom "Odeon" aus seine Fahrt nach
Russland, quer durch Deutschland im plombierten Eisenbahnwagen
der deutschen Heeresleitung.
Mit
dem Jahr 1933 wurde aber nicht nur Zürich zum Zentrum der
Künstler-Emigranten. Viele Maler, Literaten und Wissenschaftler
hielten sich auch in den Nachbarstaaten auf, in der Hoffnung,
wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.
Zum
Zentrum der internationalen Künstlerprominenz wurde in Amsterdam
das "Cafe Americain", wo unter anderem Menno ter Braak und Klaus
Mann zusammen trafen. Im Prag trafen sich Julius Fucic und Egon
Erwin Kisch, Hans Beimler und Johannes R. Becher im "Café
Continental". Nach Kriegsausbruch flüchteten viele der Künstler
nach Übersee. Zu einem wichtigen Emigrantencafé wurde hier das
"Café Crown" in New York.
Eine Definition dessen, was ein
Kaffeehaus eigentlich zu sein hat, gibt es seit den siebziger Jahren nicht mehr.
Man orientiert sich in den neuen Betrieben primär am Begriff der Öffentlichkeit,
die jede Art von Konsumation zu etwas Beiläufigem und Sekundärem werden ließ.
Neue Formen und neuer Service waren die Reaktion auf die Bedürfnisse einer
veränderten, Traditionen gegenüber sehr kritisch eingestellten Gesellschaft.
Das Kaffeehaus in seiner
ursprünglichen Atmosphäre, frei von allen Modernisierungen, Renovierungen und
Imitationen, ist selten geworden. In Wien findet man am ehesten die
unverfälschte Patina der Vergangenheit. Aber auch in Paris, München und Brüssel
ist manches aus der Gründerzeit erhalten, was anderswo nur peinlich kopiert
wurde.
|